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Dienstag, 20. Oktober 2009

Der erste Kontakt

Sechs Männer ritten angespannt durch den Dschungel. Fünf waren schwer bewaffnet, dem sechsten hatte man eine schwarze Haube über den Kopf gezogen und seine gefesselten Hände am Sattelknauf angebunden. Sie hatten noch etwa drei Stunden vor sich, bis sie am Ort des Geiselaustausches ankommen würden. Der gefesselte Mann, Erich Haubentaucher, war ein baronieweit gefürchteter Räuberhauptmann und hätte der Teufel nicht persönlich die Finger im Spiel gehabt, dann würde er ihn schon längst in der Hölle Gesellschaft leisten. Es kam jedoch anders. Die Reste seiner Bande entführten die Tochter des Barons als diese sich auf einer ihrer Reisen durch die Baronie befand und nun hieß es ihr Leben gegen das Seine. Die Reise zum Ort des Geiselaustauschs war alles andere als ungefährlich, jederzeit konnte die grüne Hölle links und rechts des schmalen Pfades aufbrechen und Raubtiere, Räuber oder noch Schlimmeres ausspeien. Nervös hielten deshalb die Männer den Wegrand im Blick, zuckten bei fast jeden Knacken zusammen und richteten Köpfe und Bögen auf die Quelle des Geräusches. War da nicht ein menschlicher Schatten im Unterholz? Henning blinzelte doch er sah an der Stelle, an der er zuvor den Schatten vermutete, nur grüne Blätter."Meine Nerven beginnen mir Streiche zu spielen," dachte Henning, "Zu viel Anspannung ist ungesund." Um sich etwas zu entspannen unterhielt er sich leise mit dem benachbarten Reiter, Rolf. Rolf war ein stämmiger zwei Meter Riese von einem Mann. Zwar nicht unbedingt das hellste Geschöpf auf Gottes Erden, aber was ihm an Intellekt fehlte, dass machte er durch seinen Schwertarm mehr als wett. So unterhielten sie sich über Waffen, was wohl das einzige Thema war, dass Rolf zu interessieren schien. Zwei Stunden über Schwertkunde, Herstellung, Pflege und Gebrauch des Schwertes sowie Kampftaktik. Trotzdem, dass war immer noch viel besser als die Anspannung und das gegenseitige Anschweigen. Es vertreibt wenigstens die Angst, da man schließlich beschäftigt war und man somit auch keine Zeit hatte darüber nachzudenken, welche Gefahren jenseits des Weges lauerten. "Also du musst beim Polieren der Waffe aufpassen in welche Richtung du polierst. Du musst das so machen. " Rolf vollführte mit seinen Händen eine Geste als wollte er ein imaginäres Schwert polieren. "Alles andere macht über kurz oder lang die Waffe kaputt und das willst du." Er brach mitten im Satz ab. Rolfs Augen blickten Henning verwundert an, während sein Körper erschlaffte und er langsam vom Pferd kippe. Ein kleiner Holzpfeil steckte etwa einen Zentimeter in seinem Hals und ein kleiner Blutrinnsal lief seinen Hals herab. Den laut scheppernden Aufprall bekam Rolf schon nicht mehr mit. Das Gift des Pfeils wirkte schneller. Wieder ein Scheppern. Dieses Mal erklang es hinter ihn. Die toten Augen des gerade vom Pferd gefallenen Soldaten blickten ausdruckslos in den Himmel. Auch er hatte einen kleinen Pfeil im Hals stecken. "Hinterhalt," brüllte Henning und ließ sich im selben Augenblick von seinen Pferd fallen. Aus der Schussbahn des unbekannten Schützen heraus. Der Aufprall trieb ihn die Luft aus den Lungen, aber er schien unverletzt und er lebte. Noch. Sie beiden übrig gebliebenen Soldaten schlugen Sekundenbruchteile später auf den Waldboden auf. "Hoffentlich lebten sie noch," dachte Henning. In dem Moment aber sah er im Augenwinkel, als er sich selbst in den Wald in Deckung rollte, wie sie sich die beiden anderen Soldaten ebenfalls in Deckung rollten. Seine Furcht war also unbegründet.

Haubtentaucher saß weiterhin auf seinem Pferd, dass wie die anderen, reiterlosen, Pferde stehen blieb und seine Ohren anlegte und nervös leicht auf der Stelle tänzelte. Hätte Henning mehr Zeit gehabt und würde sich nicht irgendwo im Wald ein Assassine verbergen, der zwei seiner Kameraden auf den Gewissen hat, dann würde er jetzt die perfekte Ausbildung der Pferde bewundern. "Hey ihr verfickten Hurensöhne, was ist los!", brüllte Haubentaucher. "Wenn du nicht gleich dein stinkendes Maul hältst, dann für dich nicht mehr viel," zischelte Wulf von schräg gegenüber. Einer der anderen beiden überlebenden Soldaten. Im Geäst über ihn selbst knackte es leise und als er hoch blickte sah er einen schwarzen grazilen Schatten, zwischen den Ästen kurz auftauchen und ebenso schnell wieder verschwinden. "Wer oder was zum Teufel ist das," fragte Henning sich. Er und seine Kollegen zogen leise ihre Schwerter aus den Scheiden und machten sich angriffsbereit. Sollte es wieder auftauchen, dann werden sie vorbereitet sein und ihre toten Kameraden rächen. Wieder ein Knacken diesmal auf der anderen Seite der Straße. "Wie in drei Teufels Namen," Henning kam nicht mehr dazu den Gedanken fertigzudenken. Es landete mit einem grazilen Salto mitten auf der Straße, sank um die Wucht des Aufpralls abzufangen in die Knie, berührte kurz mit einer Hand den Boden und richtete sich sofort wieder kerzengerade auf. "Es," er musste sich in Gedanken korrigieren, "Sie", da der vollkommen in schwarzen hautengen Stoff gehüllte Körper eindeutig weiblich war, ließ ihren Blick über die Waldränder schweifen. Die Pferde wichen langsam zurück, als hätten sie instinktiv große Angst vor der Frau und als sie ihm direkt in die Augen blickte, wusste er wieso. Diese Augen waren nicht menschlich. Violette, eiskalte Pupillen blickten ihn direkt in die Seele und er fühlte wie sein Herz gefror. Fredrickson, der andere der anderen beiden überlebenden Soldaten, schien dies jedoch nicht bemerkt zu haben. Er stürzte sich im selben Moment mit einen barbarischen Schrei von der Seite auf das Wesen. Lächelte sie unter dem stoffbedeckten Gesicht? Sie wich Frederickson mit einer Leichtigkeit und einer Geschwindigkeit aus, dass ihre Bewegungen zu verschwimmen schienen. Frederickson taumelte von seinem Schwung getrieben an ihr vorbei als er plötzlich in der Bewegung verharrte, nachdem sie ihn nur kurz berührte. Frederickson schien wie gelähmt, nur seinen Kopf konnte er noch bewegen. Langsam zog sie sich ihre schwarzen Lederhandschuhe aus. Pergamentweise sorgsam gepflegte Hände kamen zum Vorschein mit denen sie ihm sanft über die Wange strich und die Lederbänder seines Helms löste. Nackte Panik stand in Fredericksons Augen geschrieben. Frederickson wollte schreien, doch bevor auch nur ein Geräusch seine Lippen verließ legte sie ihren Zeigefinger sanft auf seine Lippen und er verstummte. Zeitgleich befreite sie mit der anderen Hand seinen Kopf vom Helm und war diesen anschließend achtlos in den Dschungel. Das Geräusch, als der Helm gegen einen Baumstamm schlug, klang unnatürlich laut an seinen Ohren und diesen Moment fiel ihm es erst auf. Es war totenstill. Der Dschungel, normalerweise Quelle unzähliger Geräusche war komplette verstummt. Sie entfernte das Band, dass ihren Mund verdeckte. Und was immer Henning in dem Moment erwartet hatte. Seine Erwartungen wurden enttäuscht. Keine dämonische Fratze kam zum Vorschein, kein monströs veränderter Unterkiefer. Nichts unheimliches. Er sah ein schmal geschnittenes Kinn, die Haut ebenfalls pergamentweis, der Mund von zartrosane dünne Lippen eingerahmt. Sie blickte zu ihm und lächelte. Kalte Schauer liefen ihm den Rücken hinab. Dann öffnete sie ihren Mund und sein Blut gefror. Das Gebiss, dass sie entblößte hatte nichts menschliches. Er blickte auf rasiermesserscharfte, dolchartige Zähne. Und dieser Mund näherte sich Fredericksons Gesicht. Sanft küsste sie Fredericksons Kinn, wanderte küssend über seine Wange bis zu seinem Hals. Sie liebkoste mit ihren Lippen seinen Nacken als sich Fredericksons Körper plötzlich aufbäumbte, wie als ob Höllenquallen jeden seiner Nerven unter Feuer setzen würden. Es verging fast eine Minute bis sich der Körper wieder entspannte. Fredericksons Blick war seltsam leer und da begriff er, dass Frederickson nicht mehr lebte. Langsam legt sie ihn, wie eine zerbrechliche Puppe, auf die Straße ab. Eine mundgroße Wunde klaffte an Fredericksons Hals, dort wo die Halsschlagader war und rotes dunkles Blut floss auf den Waldpfad. Da drehte sie sich wieder zu ihn in seinen Versteck um. Ihr Mund war blutverschmiert. Sorgfältig leckte sie sich mit ihrer spitzen hellrosanen Zunge über ihre Lippen, als wollte sie keinen Tropfen verschwenden.

Sie verdrehte für einen Moment die Augen gegen Himmel und eine fremde Macht zwang ihn und Wulf gegen ihre Willen aufzustehen und taumelnd auf sie zuzugehen bis sie beide vor ihr standen. Sie musterte beide lange mit ihren violetten Augen, dann schlug sie mit ihrer Faust blitzschnell auf Wulfs Brustpanzer. Metall splitterte, Fleisch wurde durchtrennt, Knochen brachen und als ihre blutverschmierte Hand auf der anderen Seite von Wulfs Körper wieder zum Vorschein kam, hatte sie ein Stück seines Rückgrats in ihrer Hand. Sie zog die Hand langsam zurück, also wollte sie Wulfs Tod so schmerzhaft wie möglich machen und als ihre Hand seinen Körper endgültig verlassen hatte, brach er endlich tot zusammen. Nun schaute sie Henning lange in seine Augen, dabei strich ihn mit der blutverschmierten Hand sanft über das Gesicht. Der metallene Blutgeruch stieg ihn in die Nase und Übelkeit machte sich in seinen Gedärmen breit. "Dies ist nicht euer Wald und nicht eure Welt," sagte sie mit einer wohlklingenden melodischen Stimme, die in seinen Ohren kälter als jedes Eis war. "Versteht es als letzte Warnung. Jeder, der wie ihr einen Schritt in diese Wälder setzt, den wird es so ergehen wie euren Kameraden." Sie wartete ein paar Momente um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen, dann fuhr sie fort. "Du hast Glück junger Soldat, du hast dich als würdig erwiesen deinem Herrscher diese Botschaft und ein kleines Geschenk zu überbringen." Sie berührte sanft seine Stirn und eine wohltuende Ohnmacht schaltete seinen Geist aus.

Henning erwachte bäuchlings auf dem Rücken eines Pferdes liegend. Ob Stunden oder Tage seit der Begegnung mit dem Wesen vergangen sind, konnte er nicht sagen. Übelkeit stieg seinem Magen empor und er übergab sich heftig auf die Wiese unter sich. Er wollte sich aufrichten, doch war zu schwach sich zu bewegen. Sein Kopf dröhnte als hätte man ihn mit einen Vorschlaghammer bearbeitet und er drohte wieder in die Abgründe einer Ohnmacht zu fallen. So vergingen Minuten, die er zwischen Bewusstsein und Ohnmacht verbrachte. Er erreichte endgültig das Diesseits, als neben ihn ein heftiger weiblicher Schrei erklang, der ihn schlagartig wach machte. Er versuchte abermals sich zu bewegen und jetzt gehorchten ihn seine Muskeln. Er lies sich vorsichtig vom Pferd gleiten und landete, da seine Knie nachgaben, unsanft auf dem Boden. Langsam rappelte er sich auf, während sich die Welt in immer schnelleren Kreisen um ihn drehte. Er schloss die Augen, atmete tief durch und langsam beruhigte sich die Welt wieder. Er richtete sich weiter auf und sah vor sich zwei weitere Pferde auf der Wiesen stehen. Auf einem lag eine ohnmächtige Frau, ihre Haare klebten an ihrer Stirn und in ihre einst prächtigen Kleider hingen in Fetzen an ihr herab. Trotzdem erkannter Henning sofort die Tochter des Barons. Auf dem anderen Pferd war die blutverschmierte Leiche Haubentauchers festgebunden, mehrere Pfeile steckten in seiner Brust. Da fiel ihn plötzlich das laute Surren von Fliegen hinter sich auf. Er dreht sich um und ein Wagen von ihm unbekannter Bauart stand einige Meter vor ihn auf der Wiese. Der Inhalt der Ladefläche war von einer aus Pflanzen gewobenen Plane verdeckt. Als er sich ihm näherte wehte süßlicher Gestank von dort herüber und Unmengen von Fliegen surrten um den Wagen. Er schluckte den bitteren Geschmack in seinem Mund herunter und zog, die Luft anhaltend, die Plane vom Wagen. 24 Paar tote Augen blickten ihn aus sorgsam abgetrennten Köpfen an. Es waren die Köpfe von Haubentauchers restlicher Bande. Das war also ihr Geschenk an den Baron. Eine kleine Demonstration ihrer Macht und zugleich eine Drohung, die seiner Nachricht das nötige Gewicht geben sollte. Er ging zum Pferd, band Haubentaucher ab, schleifte seine Leiche zum Wagen und warf sie auf die Ladefläche zu den Köpfen. Dann deckte er sie mit der Plane wieder zu. Die Tochter sollte den Anblick nicht die ganze Rückreise ertragen müssen. Er spannte gerade die beiden freien Pferde an den Wagen, als diese das nächste Mal erwachte. Sie wirkte erstaunlich gefasst. Was hatte sie wohl die letzten Tage durchlitten? Er näherte sich ihr langsam. "Mylady ihr seid in Sicherheit. Mein Name ist Henning. Ich bin Soldat eures Vaters und soll euch zurück an den Hof bringen." Sie nickte ihn zu und tiefe Erleichterung fand sich in ihren Augen, als sie das Wappen ihres Vaters auf Hennings Brustplatte erkannte. "Mylady, verzeiht mir unter diesen Umständen die unhöfliche Eile. Wir haben noch einen weiten Heimweg und der Tag ist schon weit fortgeschritten. Fühlt ihr euch in das Lage zu reiten?" Sie nickte. "Gut," sagte Henning, " dann bitte ich euch langsam voraus zureiten. Ich werde mit dem Wagen folgen."

Griff in den Himmel

Griff in den Himmel

Ihr Herz raste. Jeder einzelne Schlag hallte in ihren Ohren nach. Sie atmete tief ein um sich zu beruhigen und ein Gemisch der unterschiedlichsten Gerüche drang in ihre Nase. Geröstete Mandeln, Popcorn, trockenes Stroh. Sie blickte nach unten in die Manege. Zwei Clowns fesselten mit ihren Späßen die Aufmerksamkeit der etwa 100 Zuschauer. Sie bewarfen sich mit Torten, stolperten über ihre viel zu großen Schuhe und spritzen sich Wasser ins Gesicht. Danach war sie an der Reihe. Ihr erster großer Auftritt vor Publikum. Unbewusst hatte sie die Luft angehalten. Sie atmete durch den Mund aus, während die Menschen unten über die nächste Pointe lachten. Ein Junge von etwa 10 Jahren schaute nach oben zur Spitze des Zirkuszeltes. Er schenkte ihr sein Lächeln und zwinkerte ihr mit einen Auge zu. Sie hatte das Gefühl, dass er ihr direkt durch die Augen in ihre Seele blickte. "Das kann nicht sein," dachte sie, "ich sitze doch noch komplett im Dunkeln." Sie schüttelte kurz den Kopf und blickte auf die gleiche Stelle. Der Junge war verschwunden. Eine Torte flog in das Gesicht des Clowns, was vom Publikum mit lauten Lachen quittiert wurde. "Gleich bin ich dran", dachte das Mädchen, "gleich." Während sie aufstand ging sie im Kopf noch einmal die ganze Nummer durch. Jeder Schritt, jede Bewegung war jahrelang eingeübt worden. Sie dachte an ihre ersten Schritte auf dem Seil, das harte tägliche Training, ihre unbeschreibliche Freude, wenn eine Nummer endlich geklappt hatte und an die unzähligen blaue Flecke, bis es geklappt hat. In diesem Moment waren die Clowns mit ihrer Nummer fertig und verließen unter tosenden Beifall, von den Scheinwerfern verfolgt die Manege. Der Zirkusdirektor, ein hochgewachsener Mann in schwarzen Frack, mit Zylinder und gezwirbelten Schnurrbart betrat die Manege. Die Scheinwerfer folgten ihm, bis er in der Mitte der Manege stehen bleib.

"Und nun hochverehrtes Publikum, verehrte Damen, verehrte Herren, liebe Kinder habe ich die Ehre eine Weltpremiere im Zirkus Modelini anzukündigen." Er machte eine kurze Pause um die Wirkung seiner Worte zu verstärken. Mit donnernder Stimme fuhr er fort. "Meine jüngste Tochter bei ihren ersten Auftritt vor Publikum. Richten sie ihre Augen auf das Hochseil und begrüßen sie mit einem donnernden Applaus Annette." Plötzlich war die Welt um sie herum weiß von den auf sie gerichteten Scheinwerfer. Sie kniff die Augen zusammen und lächelte, so wie sie es geübt hatte, bis der Beifall nachließ und der Lichttechniker das Licht auf ein erträgliches Maß dämpfte. Sie verstärkte den Griff um ihre Balancierstange und setzte tief ausatmend den ersten Schritt auf das stählerne Seil. Ihr hautenges silbernes Kostüm glitzerte, während sie vorsichtig zur Mitte des Seils balancierte, verfolgt vom Scheinwerferlicht und den weit aufgerissenen Augen des Publikums. Sie spannte ein Bein an, hob das andere Beim langsam vom Seil und beugte sich, die Bewegung mit der Stange ausgleichend langsam nach Vorne. Bis ihr Rücken und das Bein fast waagrecht waren. Die atemlose Stille wurde nur doch einzelne "Ohs" und "Ahs" des Publikums unterbrochen. Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn, als sie sich wieder aufrichtete. "Der erste Teil ist geschafft," dachte sie, "nun der nächste Teil." Sie ging mit den einen Bein in die Knie, während sie das andere Bein langsam ausstreckte.

Plötzlich ein Schmerz, als ob ein Dolch sich Muskel für Muskel, Sehne für Sehne durch ihren Knöchel bohren würde. Sie versuchte den Schmerz zu ertragen, die lebenswichtige Spannung aufrechtzuerhalten, doch nach wenigen Sekunden gaben die Muskeln dem Diktat des Schmerzes nach und erschlafften. Langsam so unendlich langsam knickte sie zur Seite weg. Sie ließ die Stange los, die in der Tiefe unter ihr verschwand um Bruchteile einer Sekunde später mit einem vom Sand gedämpften Klong aufzuschlagen. Wie in Zeitlupe ruderte sie mit ihren Armen um den unvermeidlichen Sturz in die schwarze Tiefe zu verhindern, wie in Zeitlupe näherte sich der Sandboden, als ihre Füße endgültig das Seil verließen und sie fiel. Sie wollte Schreien, doch etwas schnürte ihr die Kehle zu und unterband die Töne. Dafür schrie das Publikum. Schreckensschreie, Schreie der Überraschung. Eltern, die vergeblich versuchten die Augen ihrer Kinder zu verdecken, damit diese nicht das unvermeidliche Sahen. Auch sie schloss die Augen, erwartete den unvermeidlichen dumpfen Aufprall, den rasenden Schmerz und die danach erlösende Stille der Bewusstlosigkeit doch nichts davon geschah.

Nach einigen Momenten oder waren es doch Jahre öffnete sie ihre Augen. Sie sah kein Zirkuszelt über ihr und sie lag auch nicht auf den sandigen Manegenboden. Sie schien zu schweben. Um sie herum war nur Weiß. Weiß wohin das Auge reichte. Eine Knabenstimme erklang neben ihr: "Willkommen Annette." Sie drehte den Kopf in Richtung der Stimme und sah einen etwa 10 Jahre alten Jungen neben ihr stehen. "Oder schwebte er etwa?", dachte sie. Irgendwoher kannte sie den Jungen, doch sie konnte sich nicht erinnern woher. "Aus dem Zirkus", antwortete der Junge mit sanfter Stimme, "du kennst mich aus dem Zirkus. Ich bewunderte deinen Auftritt." "Woher? Wieso? Weshalb? Was ist eigentlich los", Annette war verwirrt. "Keine Sorge. Du wirst die Antworten auf die Fragen schon noch erfahren, aber nicht heute sondern später." Der Junge strich ihr sanft über die Wange. "Und jetzt schließe deine Augen." Er schloss ihr sanft die Lider und hauchte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn.

Plötzlich Lärm. Sie öffnete verwirrt ihre Augen. Eine Plastikmaske verdeckte ihr Sichtfeld. "1, 2, 3, 4, 5, Beatmen." Eine andere männliche Stimme. "Sie hat die Augen offen." Eine weibliche Stimme von der Seite. "Puls normalisiert sich. Sie atmet wieder, selbstständig." Ein Sanitäter erschien in ihrem Gesichtsfeld. "Nicht Bewegen! Wenn sie mich verstehen schließen sie einmal die Augen für ja und zweimal für nein." Ihm gehörte also die erste männliche Stimme. Sie schloss einmal ihre Augenlider. "Gut. Haben sie Schmerzen?" Zwei Blinzler. "Bewegen sie bitte den Daumen ihrer Hände" Sie bewegte die Daumen. "Ok das scheint zu funktionieren. Jetzt bewegen sie bitte die Zehen." Sie tat es. Der Mann schien verwundert. "Wie kann das sein? Es war doch gebrochen." Er tastet vorsichtig ihren Körper ab. "Schmerzen?" Sie blinzelte zweimal. "Stabilisiert sie und nehmt sie mit. Das kann doch nicht sein." Sie wurde vorsichtig auf eine Trage gelegt und in einen bereitstehenden Krankenwagen unter Blaulicht in das nächste Krankenhaus gebracht. Von dort wurde sie etwa zwei Stunden später wieder entlassen. Bis auf einen verstauchten Knöchel war sie unverletzt.

Abschied im Herbst

Abschied im Herbst

Weißt du noch, wie`s war?
Kinderzeit - wunderbar:
Die Welt ist bunt und schön.
Bis du irgendwann begreifst,
Dass nicht jeder Abschied heißt,
Es gibt auch ein Wiederseh´n.
(Wolfsheim - Kein Zurück)

Der Wind blies Blätter durch die Straße, wirbelte sie zu rotbraunen Miniwindhosen. Ich stand am Fenster und blickte auf die herbstliche Allee herab. Ein einsamer Mann kämpfte sich durch den Sturm auf das Gebäude zu in dem ich mich befand. Mit der einen Hand hielt er seinen Hut auf seinem Kopf, mit der anderen Hand drückte er seinen grauen Mantel fest an den Leib. Er erreichte den Empfangsbereich und betrat das Gebäude. Mein Spiegelbild schwebte halb transparent im Fenster. Ein junger Mann Anfang 20, gestützt von zwei grauen Krücken, schaute mir mit leicht melancholischen Gesichtsausdruck entgegen. Eine Hand legte sich auf meine Schulter: "Der Kreis schließt sich. Die Natur stirbt, damit sie im Frühjahr wieder auferstehen kann. Ein ewiger Wechsel von Tod und Wiedergeburt." Ich drehte mich zu Janine. "So melancholisch heute?" Sie zuckte ihre abgemagerten Schultern, "Jeder hat so seine Phasen. Du schaust aber auch nicht wie die Freude in Person aus. Die Denkfalten stehen dir nicht. Bist noch viel zu jung für Falten auf der Stirn." Sie lächelte kurz. "Nun ja," erwiderte ich, "heute bin ich dran." "Sei doch froh," sagte sie, "dann bist du in spätestens vier Wochen deine Krücken los und hier wieder raus." Ich betrachtete Janine, ihren von der Chemotherapie abgemagerten Körper, dass inzwischen zu große Nachthemd, dass ihr damals noch passte, als wir uns vor einem Monat kennenlernenten, ihren kahlen Kopf unter dem sich immer mehr der Schädel mit seinen blauen Venen abzeichnete. Nur ihre Augen waren noch fast dieselben. Wie auf den Fotos, die ich von ihr kannte. Damals, als sie noch gesund war, als sie noch kein Schatten ihrer selbst war. Derselbe leichte Spott im Blick, derselbe Lebensmut nur die Kraft ließ nach und das trieb mir eigentlich die Sorgenfalten auf die Stirn, nicht die Operation heute Abend. "Erde an Josef!" Janine wedelte mit ihrer Hand vor meinem Gesicht herum. "Ah er reagiert ja doch noch und ich wollte gerade die Schwester rufen." "Sorry," erwiderte ich", "Ich war grad in Gedanken." "So langsam glaub ich den wahren Hintergrund für deinen Unfall zu kennen. Hast wohl aus Versehen mal Nachgedacht und dann sprang aus dem Nichts dieses Haus vor dein Auto." Janine lächelte spitzbübisch. Ich streckte ihr die Zunge raus."OK die Emotionen funktionieren auch wieder. Ich muss wirklich keinen Arzt rufen. Also, da du wieder in der gleichen Sphäre wie ich weilst, was hältst du von Frühstück?" fragte sie. "Ich viel, nur die Mediziner wenig. Die wollen mich heute Abend nüchtern." "Du wirst mich doch deswegen nicht versetzen, oder?", sie zog eine Schnute. "Nein, nein," ich lächelte, "ich werde dir halt nur halb verhungert beim Essen zuschauen." Sie betrachtete mich spöttisch. "Damit kann ich leben, also auf gehts, mein Magen knurrt schlimmer als eine Herde Braunbären." "Nach ihnen Mylady," ich deutete eine Verbeugung an und zeigte in Richtung Lift. Dieses mal kassierte ich die herausgestreckte Zunge, als sie an mir vorbeiging um den Lift zu rufen. Wir fuhren ins Erdgeschoss. Als ich ausstieg sah ich den Mann von vorhin auf eine der in der Eingangshalle herumstehenden Bänke sitzen. Er rauchte nervös eine Zigarette und schaute im Sekundentakt auf die große Uhr an der Wand. Eine Schwester kam und sprach ein paar Worte zu ihm. Sofort verschwand die Anspannung auf seinen Gesicht und sein Gesicht strahlte überglückliche Freude aus. Er drückte die Zigarette aus und konnte der Schwester gar nicht schnell genug hinterhereilen. "Da ist wohl jemand gerade Vater geworden," meinte Janine. "So schaut es aus," pflichtete ich ihr bei. Wir gingen, besser gesagt Janine ging und ich humpelte, durch die mit Marmorplatten ausgelegte Halle und folgten den anschließenden Gang zum Speisesaal. Im Gegensatz zu anderen Kliniken legte man hier Wert darauf, dass die Patienten unter Menschen kamen und so bekamen nur die bettlägrigen Patienten ihr Essen ans Bett gebracht. Der Rest musste im Speisesaal essen. Im Grunde eine wunderbare Idee. So lernte ich vor einem Monat Janine kennen.

Ich lag schon viel länger in der Klinik, als diesen Monat. Schwerer Unfall, künstliches Koma, mehrere Operationen und so weiter. Ich will das jetzt hier nicht weiter ausführen, ihr könnts euch ja vorstellen. An jenem Tag jedenfalls war ich soweit "gesund", dass ich wieder durchs Klinikgelände laufen durfte. Und wenig überraschend nutzte ich die Möglichkeit auch ausgiebig und so humpelte ich mit meinen Krücken praktisch jeden Quadratmeter des Geländes ab. Mein einziger Begleiter war ein Notfallpieper. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gut das nach so einer langen Zeit tut. Irgendwann war es dann Abends und bei mir meldete sich der Hunger mit überzeugenden Argumenten zu Wort. So rappelte ich mich also von der Bank im Klinikgelände, auf der ich saß, auf und humpelte den geteerten Weg zurück zum Klinkgebäude und von dort dann schnurstracks in den etwa halbvollen Speisesaal. Die meisten Plätze boten auf den ersten Blick keine interessante Gesellschaft. Hauptsächlich Senioren. Ich hatte mich schon mit meinem Schicksal, dass ich nur mit Leuten, deren Enkel ich hätte sein können, essen konnte, abgefunden, als ich ein junges Mädchen einsam etwas abseits an einen Tisch sitzen sah. Sie war geschätzte 18 und stocherte gelangweilt in ihrem Essen herum. Spontan beschloss ich ihre Situation zu verbessern. Eigentlich war ich ja gar nicht der Typ für sowas, aber die viele Zeit zum Nachdenken hatte irgendwie mein verloren geglaubtes Selbstbewusstsein geweckt. Also humpelte ich zu dem Tisch, setzte mein freundlichstes Lächeln auf, nahm meinen Mut zusammen und sprach sie an. "Verzeihung. Hast du was dagegen, wenn ich mich zu dir an den Tisch setze?" Sie schaute auf und meinte mit ernsten Gesichtsausdruck: "Im besten Fall Messer und Gabel." Ich schaute mich um: "Nun schlimmer als die Alternativen hier dürfte das auch nicht sein." und setzte mich auf den Stuhl ihr gegenüber. Sie lächelte mich an. "Nun mal sehen, ob ich die beiden brauchen werde. Ich heiße Janine und wie ist euer Name mein übermütiger Freund?" "Josef," antwortete ich. Von da an verbrachten wir jede freie Minute miteinander. Nun ja fast jede. Nur die Tage nach der Chemotherapie nicht. Sie wollte nicht, dass ich sie so sehe und ich respektierte ihren Wunsch.

Wir erreichten also den Speisesaal und Janine nahm ein Tablett und stapelte ihr Frühstück darauf. Danach setzten wir uns an "unseren" Tisch. Irgendwie schien sich das bei den anderen Patienten herumgesprochen zu haben, dass dieser Platz "reserviert" sei oder wir hatten einfach nur Glück. Auf jeden Fall saß nie jemand an dem Tisch und so wurde dieser mit der Zeit unser Tisch. "Heute ist also dein letzter Termin?" "Zumindest behaupten das die Ärzte. Wenn heute alles gut geht, dann kann ich in spätestens vier Wochen wieder ohne die Dinger," ich schaute auf meine Krücken, "laufen." "Und freust du dich?" "Schon freie Hände sind eine wunderbare Sache." Sie lächelte. "Ich weiß," und sie biss zur Unterstreichung ihrer Aussage in ihr dick mit Nutella bestrichenes Brot. "Du liebst es mich zu Ärgern, oder?" "Hast du wirklich so lange gebraucht um das herauszufinden?" Ich lächelte sie nur schweigend an. "Anscheinend nicht," meinte sie, "Wie lange wirst du nicht unter uns weilen?" "Der Arzt meinte etwas von einer Woche, bis ich im Rollstuhl das Bett verlassen darf und wohl zwei Wochen bis ich wieder mit Krücken herumhumpeln darf. Besuchen kannst du mich wohl ab übermorgen." Du weißt, dass ich das nicht mag und ich hab diese Woche wieder eine Behandlung." "Dann sehen wir uns wohl frühestens nächste Woche wieder, wenn ich mit meinem Rollstuhl die Gänge unsicher mache." Sie nickte und für einen Moment sah ich tiefe Trauer in ihren Augen, als ob sie schon etwas gespürt hätte. Damals fiel es mir nicht so stark auf und kurz drauf hatte ich es auch schon wieder vergessen. "Damit du dann den nächsten Unfall mit deinem Rollstuhl baust, hm?" "Hey so schlecht fahr ich wirklich nicht Auto." "Sicher?" "Ja!" Wir schauten uns tief in die Augen und dann mussten wir beide Lachen. "Ich werde es dir schon noch beweisen." "Hey, ich nehm mir das nicht alles auf mich nur um mich dann am nächsten Baum wiederzufinden." "Aber du würdest es machen?" "Hab ich eine andere Wahl" Ich schmunzelte und sie zuckte lächelnd mit ihren Schultern. "Siehst du? Und wohin solls gehen?" "Was hältst du von ner Woche Rom und danach eine Woche Adria zum Baden." "Ziemlich viel. Du weißt dass ich die Stadt liebe." "Deswegen schlag ichs auch vor." Sie gab mir einen Kuss, den ich erwiderte. Das tat sie selten. Als ob sie Angst hätte, dass sie mich anstecken könnte. Wir verbrachten noch den ganzen Tag miteinander, bis es für mich Zeit wurde. "Nun ich muss dann, mein Schicksal erwartet mich," meinte ich traurig. "Dann laß es dich nicht finden, sondern stelle dich ihn entgegen," meinte Janine. "Eigentlich sollte ich mich daran inzwischen gewöhnt haben, aber ich hab immer noch Angst." "Wem sagst du das? Wem sagst du das?" fragte Janine. Dieses Mal gab ich ihr einen Kuss. "Ich werd an dich denken," sagte ich. "Ich auch, aber jetzt geh, du weißt wie sauer die Ärzte werden, wenn sie warten müssen." Wir umarmten uns und ich sah sie mir noch einmal an, dann humpelte ich zu meinem Zimmer in dem eine Schwester auf mich wartete.

"Ah da sind sie ja, Herr Schneider." "Hey im Gegensatz zum letzten Mal bin ich wirklich nicht zu spät." Die Schwester schaute mich skeptisch an. "Sie kennen ja die Prozedur." Ich nickte und zog mich soweit ich musste aus, legte mich in mein Bett und dann bekam ich einen Beruhigungsmittelcocktail zu trinken, der kurze Zeit später auch zu wirken begann. Die Schwester schob mich in den Op-Bereich, doch das war mir Dank dem Mittel schon vollkommen egal. Dort wurde ich fertig gemacht. Die Ärzte stellten sich kurz vor, sprachen ein paar Sätze und dann setzen sie mich auch schon unter Narkose. Das Letzte was ich vor der Schwärze sah, war Janines Gesicht.

Später, viel später erwachte ich. Wobei das Übertrieben war. Mein Bewusstsein tauchte für einen Moment aus dem Schlaf auf. Ich konnte mich nicht bewegen, nicht die Augen öffnen, aber ich hörte das beruhigende regelmäßige Piepsen meines Pulses. Dann war ich wieder weg. Später, mir kam es vor, als ob Tage vergangen waren, die nächste Wachphase. Ich hörte wieder das Piepsen des Pulsmessgerätes und fühlte die Luft, die mir die Beatmungsmaschine in die Lunge pustete. Mir gelang es ein Auge zu öffnen. Draußen war es hell und die Uhr, die ich verschwommen über meinen Bett wahrnahm, zeigte 5 Uhr. Dann war ich wieder weg. Beim nächsten Mal, die Uhr zeigte inzwischen 7 Uhr, gelang es mir endlich wach zu bleiben. Als ich mich Bewegen wollte, piepste das Gerät neben mir aufgeregt und eine Schwester kam an mein Bett. "Bleiben sie noch ein wenig ruhig liegen. Sie brauchen noch mehr Zeit." Ich versucht zu nicken und schlief weiter. Als es dann 9 Uhr war, hatte ich wieder soweit Kontrolle, dass ich kleinere Bewegungen machen konnte und eine halbe Stunde später brauchte ich auch den Sauerstoff nicht mehr, da meine Lungen wieder von alleine kräftig genug atmeten. Es dauerte noch eine gute Stunde, bis die Schwestern und der Arzt der Meinung waren, dass ich wieder auf die Station konnte und so wurde ich zurück in mein Zimmer gebracht wo ich die nächsten beiden Tage am Tropf hängend die meiste Zeit schlafend verbrachte. Das lag wohl auch an den Mitteln, den sie dem Tropf hinzufügten. Die Ärzte behielten recht. Es dauerte wirklich mindestens eine Woche bis ich überhaupt wieder aus dem Bett wollte und selbst dann hatte ich wenig Lust mit dem Rollstuhl durch die Station zu Fahren. Die kam erst gegen Ende der zweiten Woche und da ging es dann auch schon mit dem Lauftraining wieder los. Auch wenn es sich im Moment nicht so anhört, aber ich dachte viel an Janine. Die Ärzte wichen meinen Fragen nach ihr etwas aus. Sie meinten, dass sie in Behandlung sei. Das Ganze machte es für mich nicht einfacher. Als ich dann wieder humpeln konnte, erzählten sie mir die Wahrheit. Sie hätten sie mir zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr länger verheimlichen können. Janine lag seit einer Woche im Koma. Ihr Körper hatte vor der Doppelbelastung durch Chemo und Krankheit kapituliert. Zwei Tage später folgte auch der Geist ihren Körper und sie starb.

Meinen Schrei musste wohl das ganzen Krankenhaus gehört haben. An die darauffolgende Zeit hatte ich nur noch lückenhafte Erinnerungen. Man band mich an mein Bett fest, damit ich ihr nicht folgte und man gab mir Beruhigungsmittel. Die Tage vergingen. Doch das war mir egal. Hell folgte Dunkel, Dunkel folgte Hell. Mal durchschlief ich den Tag, mal durchwachte ich die Nacht. Mir war alles egal. Ich lag nur da. Ich aß nicht, icht trank nichts. Man ernährte mich sogar intravenös. Später erzählten mir meine Eltern, dass ich wie im Wachkoma dalag und auf nichts reagierte. Ich wusste nicht einmal, dass mich meine Eltern besuchten, bis zu jenem Tag an dem sich mein Leben ein zweites mal änderte. Es war gut zwei Monate nach ihren Tod als ich eine Stimme in meiner selbstgewählten Isolation hörte. Der erste Ton der in mein Bewusstsein drang. Sie klang so bekannt, doch sie war weit entfernt. Ich wollte zu ihr. Versuchte mich zu bewegen, doch meine geschwächten Muskeln gehorchten nicht sofort. Unendlich langsam richtete ich mich auf. Die Welt dreht sich um mich und ich lag wieder in meinen Kissen. Der nächste Versuch erfolgte noch vorsichtiger und dieses mal blieb ich sitzen. Es war Nacht und der Vollmond schien durch das Fenster und tauchte mein Zimmer in magisches Licht. Die Stimme rief wieder, verführerisch, süß von jenseits der Zimmertür. Mein Rollstuhl stand neben den Bett und ich wollte mich gerade hineingleiten lassen, als ein schmerzhaftes Stechen in meinem Arm mich an den Tropf an dem ich hang erinnert. Ich fand ein Taschentuch in meinem Schrank und zog die Nadel und drückte danach das Taschentuch auf die Wunde. Es färbte sich rot, doch kurz Zeit später begann das Blut zu gerinnen und die Wunde zu schließen. Die Welt begann sich wieder leicht zu drehen und schwarz zu werden, doch dieses mal reichte der Kreislauf aus und ich blieb sitzen. Ich glitt in den Rollenstuhl und fiel fast wieder raus. Mit aller Kraft setzte ich ihn in Bewegung und nach fast übermenschlicher Anstrengung erreicht ich die Zimmertür an der gegenüberliegenden Zimmerwand. Ich öffnete sie. Dahinter war ein langer von Mondlicht erhellter Gang. "So einen gab es doch im Krankenhaus nicht," dachte ich. Ich rollte den Gang entlang und am Ende auf einer Wendeltreppe nach oben saß eine weibliche Gestalt. Es war Janine. Sie stand auf und ging mir entgegen. Sie war nicht mehr das zerbrechliche Wesen, dass ich kannte, sondern es war die Janine von den Bilder "Was soll der Schwachsinn!?" sagte sie. Tränen liefen mein Gesicht herunter. "Was soll der Schwachsinn," wiederholte sie, "du hast definitiv Wichtigeres zu tun, als hier wegen mir dahinzuvegitieren. Nur weil mein Weg zu Ende war, ist es deiner noch lange nicht. Also reiß dich gefälligst zusammen und stell dich nicht so an." Sie zog mich aus den Rollstuhl auf die Beine. Wie kräftig sie jetzt war "Wir werden uns wiedersehen. Dass verspreche ich dir, aber bis dahin wird es noch ein paar deiner irdischen Jahre dauern und dann werde ich meine Reise nach Italien einfordern." Sie lächelte mit ihren verschmitzten Lächeln an. "So und jetzt kümmere dich um deine Familie und deine restlichen Freunde. Ich kann hier auf dich warten. Die anderen nicht." Sie gab mir einen Kuss und verschwand dann vor meinen Augen. Die Welt begann sich zu drehen und ich stürzte. Also ich wieder aufwachte lag ich in meinen Bett. Es war Tag und meine Eltern waren im Zimmer. Sie sprachen mit mir. Erst konnte ich sie nicht verstehen, doch dann begannen die Worte auf einmal wieder Sinn zu machen. "Nicht so schnell," stammelte ich. Und meine Eltern hielten inne. "Du verstehst uns?" fragte meine Mutter. "Ja,"antwortete ich. Ein weiterer Schrei erklang im Krankenhaus. Dieses mal der Freudenschrei meiner Eltern. Man behielt mich noch einige Wochen im Krankenhaus. Reha, psychologische Betreuung und so weiter. Ich erzählte niemand, dass mir Janine begegnet ist und so wurde ich irgendwann entlassen. Man verschrieb mir noch eine ambulante psychologische Therapie, die ich auch noch hinter mich brachte. So verging der Herbst.

Inzwischen war es Winter. Die Zeit des Todes. Gefolgt von der Zeit der Wiedergeburt. Ich ging den Kiesweg entlang. Alleine. Ich zerstörte mit meinen knirschenden Schritten die weiße Schneedecke, die wie ein gigantisches seidenes Leichentuch über den Friedhof lag. In meiner Hand ein Strauß weißer Lilien. Ich zählte meine Schritte "Zweihundertfünzig, Zweihundereinundfünzig," Dann war ich an meinen Ziel. Eine schlichte Steinplatte in der ihr Name und ihre Lebensdaten eingraviert waren. Daneben ein Bild von ihr. Aus der Zeit, als sie noch gesund war. Ein Stirnreif hinderte ihr braunes schulterlanges Haar daran ins Gesicht zu fallen. Sie blickte mich mit den gleichen spöttischen Blick, wie bei unserer letzten Begegnung damals im Herbst an. Ich sank in die Knie, legte die Lilien sorgfältig auf den blanken Stein und striff mit den Handschuh von meiner rechten Hand. Vorsichtig, fast zärtlich strich ich mit meinen Fingern über ihr kaltes Antlitz im Stein. Tränen sammelten sich in meinen Augen, liefen über meine Wangen und tropften auf ihr steinernes Bett. So verharrte ich, ob Minuten, Stunden, Tage oder Jahre konnte ich nicht sagen. Irgendwann stand ich auf, die Lilien waren inzwischen vollkommen vom Schnee bedeckt. Dann ging ich. "Wir werden uns Wiedersehen. An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, in einem anderen Leben." Meine Spuren verschwanden im Schnee. Bald ist Frühling. Wiedergeburt.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Ein neuer Anfang

Null. Wie gebannt starrte er auf die Anzeige des Fahrstuhls. Sie lebten. Noch. Er atmete kräftig durch die Nase aus. Zur Beruhigung. Dann blickte er kurz auf die Kameraden neben sich, die wie er auf die Liftanzeige starrten. "Wir sitzen hier unten in der Falle und starren wie die Kaninchen auf die näher kommenden Lichter des Lastwagens," dachte er sich. Er hatte gesehen was sie in den oberen Stockwerken angerichtet haben. Er hatte solange auf die Monitore gestarrt bis die Überwachungskameras ausfielen und das schwarzweiße Rauschen auf den Monitoren ihnen weitere grausame Details ersparte . "Warum leben wir noch," dachte er sich, "es wäre doch viel einfacher, den Lauf in den Mund zu nehmen und abzudrücken." "Weil wir Soldaten sind und keine Pussies", hatte der General geantwortet, "und wir uns bis zum letzten Atemzug gegen diese Bastarde wehren werden, die das da oben angerichtet haben, Gentleman." Überzeugende Worte klingen anders, ohne nervöses Flackern in den Augen, ohne regelmäßiges Zucken der Augenlider. Sie hatten alle das Blutbad gesehen, wie die Dinger durch die MG-Salven spazierten als wären es Regentropfen, wie Handgranaten auf ihnen ohne Wirkung explodierten. Als würde man Wasserbomben auf sie werfen. Sie gingen einfach weiter, weiter auf die zurückweichenden Soldaten zu, die durch die zurückfliegenden Kugeln zerfetzt wurden. "Glückspilze," dachte er sich, "mit ihnen spielten sie wenigsten nicht mehr."

Minus Eins. Der Lift war ein Stockwerk tiefer gesunken. Das Rattern von MGs war zu hören. "Das ist so sinnlos," dachte er sich. Ein anderer Gedanke schob sich in seinen Kopf. "Vielleicht begingen sie so Selbstmord, bevor man auch mit ihnen spielte." Gespenstische Stille herrschte, als der letzte Schuss verklungen war. "Vielleicht hatten sie Glück, vielleicht sind sie schon tot." Ein Serie fast unmenschlicher gequälter Schreie belehrte ihn eines Besseren. "Zeit zum Spielen," dachte er sich. Gemurmel wurde laut, er betrachtete seine Kameraden. Einige beteten. "Idioten," dachte er sich, "wenn Gott allmächtig ist, dann sind die Dinger auch Geschöpfe Gottes und er hat sie gesandt um hier aufzuräumen." Andere starrten mit ausdruckslosen Gesicht auf die Aufzugtür. Ein Rekrut saß in der Ecke, seine MG wie ein Kuscheltier umklammert, sein Blick war leer. Er schlug den Hinterkopf in regelmäßigen Rhythmus gegen die Wände. Erst an die rechte Wand, dann an die linke. "Leutnant," befahl er seinen Nachbarn. "Vater unser im Himmel," der Leutnant reagierte nicht. "LEUTNANT!!," er schrie seinen Nachbarn an. "Geheiligt werde dein Name, dein Reich ähm ja Hauptmann?" "Schön dass hier noch nicht alle ihren Verstand verloren haben und einige noch auf Ansprache reagieren. Nehmen sie dem Rekruten an der Wand das MG ab." Der Leutnant schaute in die Ecke aus der regelmäßige Klonk kam. "Sofort." Der Leutnant sicherte seine Waffe und stand hinter seiner provisorischen Barrikade, ein Schreibtisch aus Pressspanholz, auf und eilte zu dem Rekruten. Er musste ihn bewusstlos schlagen, damit er die Waffe aus den verkrampften Armen bergen konnte und kam an seinen Platz hinter den Schreibtisch zurück. "Warum haben sie das befohlen?" fragte er. "Ich will mich selbst durch einen Querschläger erschießen und nicht von einen wahnsinnigen Rekruten erschossen werden, Leutnant." "Ich verstehe." Er nahm seine Deckung wieder ein, entsicherte das MG und zielte damit wieder auf die Lifttür. "Vater unser im Himmel." "Leutnant!" "Was ist denn noch?", fragte er. "Hören sie auf den Bastard anzubeten, der uns diese Kreaturen gesandt hat." Der Leutnant nickte knapp. Falls er immer noch betete, dann zumindest leise.

Minus Zwei. Nur noch zwei Stockwerke lagen zwischen den Soldaten und den Kreaturen. Die Szenerie wiederholte sich. Erst Schüsse, dann gespenstische Ruhe und dann hallten unmenschliche Schmerzensschreie durch die Stockwerke des Bunkers und brachten sein Blut zum gefrieren. Er schloss die Augen. Sofort sah er wieder die Bilder der Monitore, die sich unauslöschlich in sein Gehirn gebrannt hatten. Was sie mit Leutnant, wie hieß sie gleich nochmal- Er überlegte. "Schneider," fiel es ihn wieder ein. - gemacht hatten. Er kannte sie nicht sonderlich gut. Sie waren ein paar mal beim Mittagessen am gleichen Tisch gesessen und hatten sich ein wenig unterhalten. "Sie liebte klassische Musik und alte Horrorfilme. Welch bittere Ironie, dass sie wie bei einem Slashermovie starb," dachte er. Er öffnete wieder die Augen. Die Schreie waren verklungen. Gleich würde der Lift wieder ein Stockwerk tiefer fahren und Tod und Verderben über das Personal dort bringen.

Minus Drei. Geratter von Maschinenpistolen, Explosionen von Granaten, danach Ruhe und dann wieder Schreie. Er konnte sich nicht einfach durch Querschläger erschießen. Dafür sind schon zu viele seiner Kameraden gestorben. Nein, er würde kämpfen. Vielleicht gelang es ihn ja, die Schwachstelle zu finden und es diesen Bastarden heimzuzahlen. "Du verlierst langsam den Verstand," sprach eine ruhige nüchterne Stimme in seinen Kopf, "du wirst sterben wie alle anderen und dann werden sie diese Welt überrennen und es ist aus mit der Krone der Schöpfung, der Menschheit." Er schüttelte seinen Kopf, die Stimme verstummte. Er lächelte hart. "In meinen letzten Minuten werde ich auch noch wahnsinnig," dachte. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Bei der Armee studieren, dann ein paar Jahre Dienst absitzen und dann als erfolgreicher Zivilist mit 90 und vielen Enkeln sterben. Und nicht mit 25 von Alienmonster zerissen werden. "Wie das Schicksal so spielt," dachte er bitter. Die Schreie verstummten. Nur noch ein Stockwerk und dann war sein Leben beendet.

Minus Vier. Er achtete gar nicht mehr auf die Geräusche der Vernichtung über sich. Auch wenn sie lauter als vorher waren und teilweise der Putz von der Decke in sein Gesicht rieselte. Er hatte mit seinem Leben abgeschlossen und war vollkommen ruhig. Er schaute auf seine Hand. Sie zitterte nicht. "Faszinierend," dachte er sich," ich habe mir diesen Augenblick immer anders vorgestellt. Ein Lächeln erschien in seinen Gesicht als er kurz aufstand,sich streckte und den Staub aus seinen Gesicht wischte. Sein Nachbar blickte ihn verwirrt an. Angstschweiß lief in Strömen sein Gesicht hinab. "Ich musste mich kurz streckten. Wenn wir schon diese Bastarde in den Arsch treten, dann soll kein Krampf den Sieg verhindern." Das Gesicht seines Nachbarn sprach Bände. Jetzt ist er vollkommen durchgedreht, stand in großen Lettern dort zu lesen. Er kniete sich bequem hin drückte sein Gewehr in die Schultern und legte den Lauf auf die Tischkante. "Sollen sie nur kommen," dachte er. Er entsicherte die Waffen und legte seinen Zeigefinger auf den Abzug. Dann visierte er die Lifttür. Die Schreie und der Lärm ein Stock über ihnen verstummte. Gleich würde die die Show hier beginnen.

Minus fünf. Ein überlautes Ding ertönte, als sie der Lift erreichte. Überlaut, weil sie die Luft anhielten während sich die Lifttür rumpelnd öffnete. Ohrenbetäubendes Geratter lag in der Luft als ihre abgefeuerten Kugeln die Lifttür durchlöcherten und Querschläger durch den Raum jaulten. Ein Soldat, noch keine 25 Jahre alt, wurde am Kopf getroffen und sank langsam in sich zusammen. Seine überrascht schauenden Augen brachen bevor sein Kopf am Boden aufschlug und sein dunkles rotes Blut eine Pfütze auf dem Boden bildete. Er gab das Zeichen zum Feuer einstellen und erstaunlicherweise wurde es befolgt. Die Lifttür ging vollkommen auf, aber dahinter war überraschenderweise keines der Wesen. Es gab nur wabernde Schwärze an der Stelle an der sich die Kabine befinden sollte. "Nicht schießen solange nichts raus kommt und selbst wenn nicht alle, sondern nur einer. Ich will wissen ob wir sie verletzten können, bevor sie komplett hier sind," sagte er. Das Wabern verdichtete sich zu einem stillstehenden Punkt absoluter Schwärze, der langsam auf die Größe eines menschlichen Kopfes anschwoll und in der Mitte der Lifttür schwebte. Etwas schob von außen gegen den Punkt und stülpte ihn in den Raum hinein. Das Schwarz wurde immer heller und schließlich grau. Mit einer Mischung aus Angst und Faszination starrten die Soldaten weiterhin auf die Ausstülpung, die nun weiß wurde, weiter ausblich und am Ende durchsichtig war. Ein armdicker Tentakel war darin zu sehen, der sich langsam von der durchsichtigen Masse geschützt in den Raum hinein schon. "Wir werden also von Space Kalamare ausgerottet," meinte einer der Soldaten trocken. Ein anderer musste Lachen. "Also ich hab keine Pizza Frutti di Mare bestellt. Sonst einer?" Allgemeines Verneinen. "Gut, dann schauen wir doch mal, wie wir Mr Spaceoktopus wieder nach Hause schicken können. Müller, wenn sich das Ding weiter rausschiebt, dann flimmert die Hülle leicht. Ich will, dass sie während des Flimmerns einen Schuss abgeben." Der Schuss flog als Querschläger gegen die Decke und blieb dann im Boden Stecken. "Gut, vielleicht sind wir auch einfach zu schnell. Wie bei Wasser." Er stand auf und ging langsam auf die flimmernde Wand zu. Als er direkt davor stand wirkte sie nicht mehr ganz so dunkel sondern halbtransparent. "Na, hast du Angst, weil wir nicht auf dich schießen und du deswegen nicht geschützt hier raus kannst? Aber vielleicht kann ich ja zu dir rein." Er drückte seinen Gewehrlauf auf das Flimmern. Es fühlte sich an als würde er gegen Gummi drücken. Er nahm Druck weg und schob das Gewehr unendlich langsam gegen Wand hinter der mehrere albtraumhafte Kreuzungen zwischen Kalamri und Humanoiden standen. Er nahm noch mehr Druck raus und plötzlich hatte er das Gefühl nicht mehr gegen etwas, sondern durch eine zähflüssige Masse zu drücken. "Ok, nur nicht zu früh schießen, sonst explodiert dir die Kugel im Lauf." Auf der anderen Seite kam Leben in die Wesen. Sie wirkten hektisch. "Na damit habt ihr wohl nicht gerechnet, nachdem ihr ET gekillt habt, kommt ET zu euch und macht das gleiche." Plötzlich war er durch die Hülle durch, ein Lächeln lag auf seinen Lippen. "Richte deinem Schöpfer einen schönen Gruß aus Sushi," sagte er als eines der Wesen vor seinem Lauf stand und es von Kugeln zerfetzt wurde. Fast panisch schienen die Wesen etwas auszuführen, während er unendlich langsam seinen Gewehrlauf auf eines der anderen Wesen richtete und andere Soldaten ebenfalls zur Barriere liefen und ihre Gewehre vorsichtig durchdrückten. Plötzlich ein heller Lichtblitz. Als sie wieder etwas sahen, war vor ihnen die Liftkabine. Ihre Gewehrläufe waren sauber an den Stellen an denen sie die Barriere durchdrangen abgeschnitten. Es dauerte einen Moment bis sie begriffen. Sie lebten und was viel wichtiger war, sie hatten eine Möglichkeit gefunden um sie aufzuhalten. Jubel brach aus. Jetzt konnten sie wieder beruhigt in die Zukunft blicken. Ein neuer Anfang für die Menschheit war möglich.

Mittwoch, 23. April 2008

Wenn Engel hassen

Die Sonne ging unter und ein kühler, erfrischender Wind bewegte die Weizenähren. John war mit seinen 35 Jahren noch einer der jüngeren Farmer, doch auch ihn erfreute die angenehme Kühlung nach einen langen Arbeitstag in den Feldern. "John wird Zeit fürs Abendessen. Wir sind dann für heute fertig." Frank schaute seinen Kollegen mit einem aufmunternden Lächeln an. "Schaffst du das auch wirklich alleine?," fragte John. "Ja, ja", wiegelte Frank ab, "ist ja nur noch eine Reihe und dann fahre ich auch nach Hause. Du hingegen," Frank zeigte mit seinen Zeigefinger auf Johns Brust,"solltest pünktlich zu Frau und Familie kommen. Du weißt ja wie sie ist, wenn du zu spät zum Abendessen kommst." John schmunzelte und dachte an seine Frau. Sie konnte es wirklich nicht leiden, wenn er zu spät kam. "Nun dann viel Spaß bei deinen letzten Runden. Wir sehen uns dann Morgen, dann ist das andere Feld dran." "Alles klar," antwortete Frank, "bis dahin." John ging los. Zwar hätte er auch mit seinem Auto fahren können, doch im Sommer liebte er die Spaziergänge bei Sonnenaufgang und Untergang. Er schlenderte gemütlich die Kiesstraße zu seiner Farm entlang. Der Kies knirschte leise unter seinen schweren Schuhsohlen. Die Sonne hatte sich inzwischen zu einem roten Glutball verwandelt und tauchte die Welt in ein sanftes Rosa. Er musste nur noch über einen sanft ansteigenden Hügel, dann konnte er seine Farm schon sehen. Sanft streifte mit seiner Hand über die Kornähren der morgigen Ernte, die leicht seine Handfläche kitzelten. Es versprach ein schöner Abend mit Frau, Kinder und den Basketball im Fernsehen zu werden.

Währenddessen in Johns Farm.
"Sue? Mary-Ann? Joseph?" Drei aus unterschiedlichen Richtungen kommende "Ja?" beantworteten die Frage ihrer Mutter. "In einer halben Stunde gibt es Essen und hier schaut es aus, als ob ein Tornado durch das Haus gewütet wäre. Los aufräumen! Sonnst geht es heute Abend gleich nach dem Essen ins Bett mit euch und dann gibt es kein Basketball im Fernsehen." Anscheinend hatte sie genau die richtige Drohung gefunden, denn sofort hörte man im ersten Stock vier Füße trampeln, die kurze Zeit später auch die Treppe runterpolterten. Joseph kam als erster ganz außer Atmen gefolgt von Mary-Ann in die Küche. Sue brauchte etwas Länger und so standen die Drei, kurze Zeit später, wie die Orgelpfeifen der Größe nach sortiert nebeneinander. Joseph war mit seinen 12 Jahren der Älteste der Drei und wenn sein Vater außer Haus war der Mann im Haus. Zumindest hielt er sich dafür. Die zwei Jahre jüngere Mary-Ann hingegen war der wirkliche zweite Mann im Haus. Sie beherrschte schon jetzt alle Tricks mit denen sie ihren großen Bruder um den Finger wickeln konnte. Und Sue? Sie war zwar mit ihren 8 Jahren die Jüngste und das typische Nesthäkchen. "Nun schlagt hier keine Wurzeln, sondern räumt auf," meinte ihre Mutter und schon rannten die Drei durch die Türe und machten sich geräuschvoll daran Ordnung in das Chaos im Ess- und Wohnzimmer zu bringen. "Warum können die nicht öfters in der Woche Basketball spielen, dann wäre viel mehr Ordnung im Haus", dachte Sophie, ihre Mutter, als sie sich wieder dem Herd widmete auf dem in einen Topf Kartoffeln im sprudelnden Wasser kochten.

Ein lauter Schlag erschütterte die Haustür. Als ob sich ein schweres Tier mit voller Wucht gegen die Tür geworfen hätte. Wieder ein Schlag, die Tür flog splitternd aus dem Rahmen und und fiel mit einem lauten Knall auf den Boden. Entsetze Aufschreie von zwei Kindern drangen durch die Küchentür. Schwere Stiefel von mehreren Personen hallten über den Boden. Kurz darauf drangen die Schreie der Kinder nur noch gedämpft durch die Tür, als ob irgendwer oder irgendetwas sie am Schreien hindern würde. Sophie konnte sich nicht bewegen. Der Schreck und die Angst lähmten ihren ganzen Körper. Mit schreckgeweiteten Augen starrte sie auf die Tür zum Wohnzimmer. Sie wollte Schreien, doch ihr Hals war wie zugeschnürt und ihre Stimmbänder weigerten sich ihr zu gehorchen. Schritte näherten sich der Tür. Langsame, siegessichere Schritte untermalt vom ängstlichen, gedämpften Wimmern der Kinder. Die Tür flog auf. Ein schwarz gekleideter, mit einer schwarzen Skimaske maskierter Mann betrat die Küche. Sophie konnte sich nicht entscheiden wovor sie mehr Angst hatte. Vor der schweren Pistole, die in seiner rechten behandschuhten Hand lag oder vor den eisblauen, gefühllosen, kalten Augen. In diesen Moment wusste Sophie, dass sie den Tag nicht überleben würde und begann am ganzen Leib zu zittern. Der Mann packte sie und zerrte sie in das Wohnzimmer. Mary-Ann und Joseph lagen gefesselt und geknebelt am Boden und schauten sie mit panikerfüllten Blicken an. Sue lag mit nach oben verdrehten Augen ohnmächtig daneben. Ein großer rot, blau, violett schimmernder Fleck war auf ihrer Stirn zusehen. Neben ihr lag ein Teil der Haustür. Blut war daran zu sehen. Es waren noch drei andere Männer in den Raum. Alle drei schwarz vermummt, alle drei mit hellblauen, kalten Augen. Maschinenpistolen hingen locker an ihren Schultern. "Wo ist dein Mann?" fragte der Mann, der Sophie festhielt. Seine Stimme hatte einen starken russischen Akzent und war so hart wie seine Augen kalt. Sie konnte nicht Sprechen. Er schlug sie, die Kinder schrien unter ihren Knebel entsetzt auf. "Wo ist dein Mann?", wiederholte der Russe die Frage. "Ich weiß es nicht, ICH WEISS ES NICHT!!!!!", schrie Sophie. "Bljadski rot!"

John kam gerade über den Hügel, als er etwas ungewöhnliches sah. Ein kleiner, schwarzer Van, den er nicht kannte, stand auf seinem Hof. Er hörte ein Rattern, dass kurze Zeit später im Gekrächzte der aufgeschreckt davonfliegenden Krähen unterging. John begann zu Laufen,"Nein, das konnte nicht sein, das durfte nicht sein." Tränen stiegen in seine Augen, während er immer schneller den Hügel hinab lief. Vier schwarz gekleidete Männer verließen das Haus und schlenderten zu dem Van in dem ein Fahrer wartete. Einer der Männer deutete auf John, doch ein anderer winkte ab. Sie stiegen in den Van ein und fuhren davon. John erreicht den Hof mit der wahnsinnigen Hoffnung, dass es anders sei, nicht wie befürchtet. Da sah er das schwarze Loch, dass einst seine Haustür war. Langsam taumelte er auf die Tür zu, ein verdrehtes Bein kam in sein Sichtfeld. Ein Schritt weiter, das andere Bein folgen. Der nächste Schritt, ein Rock erscheint. Wieder ein Schritt, ein weißes T-Shirt in einer dunkelrötlich sich schwarz verfärbenden Pfütze aus Blut liegend. John's Welt beginnt sich zu drehen, wieder ein Schritt, eine unförmige Masse aus Fleisch, Knochen und Blut und Hirnmasse dort wo sich einst der Kopf eines kleinen Mädchens befunden hat. Seines kleines Mädchen. Die Welt dreht sich immer schneller, immer schneller. John bekam keine Luft mehr. Die Welt drehte sich schneller, immer schneller. Gesichter erschienen in dem Strudel. Die Gesichter seiner Kinder. "Komm Daddy, hier ist es schön, komm her. Grandpa ist auch da und freut sich schon dich wieder zu sehen. Komm her." John fühlte, wie er langsam nach oben schwebte, Hände streckten sich nach ihn. John wollte zugreifen. "John," riefen die Stimmen, "John." "John!", etwas war an dieser Stimme anders, "Hey, John aufwachen." Er fühlte ein dumpfen Schlag an der Wange. Trauer lag in den Gesichtern, die Hände winkten zum Abschied. "Wir warten auf dich," dann verstummten die Stimmen und John fiel.

John blinselte, grelles Licht blendete ihn. Er wollte seine Hand zum Schutz vor sein Gesicht nehmen, doch irgendetwas hinderte ihn daran. "Na also, es geht doch." John blinselte noch einmal und die verschwommenen Schatten im Licht verdichteten sich zu einem Gesicht. Franks Gesicht. "Gott sei Dank John, wir dachten schon die Schweine hätten dich auch erwischt." Bilder und Erinnerungen stürzten auf John ein, Bilder seiner niedergemetzelten Familie. Die Leichen seiner Kinder und seiner Frau, die wie weggeworfene Puppen in seinem Wohnzimmer lagen und ihn aus gebrochenen, toten Augen anklagend anschauten. John schrie und tobte, doch Frank drückte ihn fest auf die Unterlage. "Verdammt hilf mir doch!" rief Frank. John spürte einen kleinen Stich und dann nur noch Schwärze. Das nächste mal als John erwachte, lag er auf einer Trage festgebunden. Frank saß im gegenüber und biss gerade in einen Apfel. "Tut mir Leid John, aber wir müssen dich im Moment vor dir selbst schützen, deshalb die Riemen." Frank legte den Apfel auf einen Tisch. "Wir wissen, wer die Schweine waren und wir wissen wer die Rechnung begleichen wird." Die Bilder stiegen wieder auf, doch dieses mal hatte John sich insofern unter Kontrolle, dass er nicht mehr tobte sondern nur noch heiße Tränen der Trauer seine Wangen herunterliefen. Irgendwann waren auch die Tränen vorbei und John schaute Frank ins Gesicht. "Wer? Und wer ist wir?" fragte er mit brüchiger Stimme. "Jegor Kraswili und wir? Wir sind das Werkzeug deiner Rache." Frank lächelte kalt.

Fünf Jahre später.
John saß auf einen schäbigen Bett in einer schäbigen Absteige. Früher hätte er sich vor der durchgeschwitzten Matratze geekelt. Doch das war früher. Vor dem Tod seiner Familie und vor seiner Ausbildung. John blickte auf den wackeligen Holztisch neben ihn auf dem ein in schwarzen Samt eingewickelter länglicher Gegenstand lag. Ein bitteres Lächeln umspielte Johns Miene. Er strich sanft mit seiner Hand darüber und fühlte den Kontrast zwischen den weichen Samt und der harten Scheide, die er umschloss. Vorsichtig befreite er das Werkzeug seiner Rache von seiner Umhüllung. Langsam, fast ehrfürchtig zog er das Schwert aus seiner Scheide. Ein leichtes Singen lag in der Luft. Sein Gesicht spiegelte sich in der Klinge. Er sah sein früher mal so sanftes braunes Auge, das inzwischen hart geworden ist. John stand auf und übte noch einmal die Schrittfolgen, die ihn fünf Jahre lang beigebracht worden sind, bis er eins mit seinem Schwert wurde. Die Stunden vergingen, doch erst das sanfte rosa des Abendrotes unterbrachen seinen mörderischen Tanz. Bald ist es soweit, bald hatte er seine Rache. Er steckte das Schwert zurück in die Scheide und ging in das angrenzende Bad. Dicke Schweißflecken hatten sich auf seiner Kleidung gebildet, doch sie störten ihn nicht. Das machte seine Tarnung nur noch authentischer. Er zog sein Hemd aus und nahm eine unangebrochene Flasche Fusel vom Waschbecken. Großzügig goss er den Alkohol über seine Kleidung. Er lächelte dabei. Danach zog er das nach billigen Fusel stinkende Hemd wieder an. "Perfekt," dachte er sich. Er ging zurück in das Wohnzimmer und befestigte das Schwert im seinen Hosenbein. Darüber zog er sich einen alten schäbigen Mantel an. "Fast fertig." Er hinkte zurück in das Badezimmer und schmierte sich eine braune Creme ins Gesicht und auf die Hände sowie in die Haare. Er prüfte das Ergebnis im Spiegel. "Wie frisch aus der Gosse." Danach hinkte er zur Zimmertür. Die Stunde der Rache hatte begonnen.

Die Bar war der Prototyp einer Spelunke. Spärliches Licht sorgte für ein diffuses Halbdunkel, dass die Umgebung mehr erahnen als erkennen ließ und nur die kleine, die Bar dominierende Bühne mit ihren senkrechten Stangen wurde von zwei Scheinwerfern erleuchtet. Die Gäste saßen an kleinen Tischen oder in Separees und starrten in Erwartung der bald beginnenden Show mit alkohlschwangeren Blick auf die Bühne. Hinter der Bar stand ein glatzköpfiger Bär von einem Mann dessen Haut, soweit man sie sehen konnte, über und über von Tattoos bedeckt wurde. John trat ein. Er wusste, dass in dieser Bar heute hoher Besuch war. Kraswili, dem der Laden gehörte, stattete ihn einen Besuch ab. Kraswili besuchte jedes seiner Besitztümer einmal im Jahr um sich selbst ein Bild über die Lage dort zu machen. Heute sollte dies sein letzter Besuch sein. John hinkte an die Bar und lehnte sich neben einen nach Schweiß und Alkohol stinkenden Rocker an den Tresen. Der Barkeeper bedachte ihn mit einen abwertenden Blick, bewegte seinen massiven Körper aber dennoch zu John. "Ey, Penner hier ist nicht die Wohlfahrt. Entweder du kaufst was oder die fliegst. Klar?" John sah ihn an. "Ja Sir!" Er suchte aufwändig in seinen Taschen und zauberte dann einen fast sauberen 10 Dollar Schein in seine Hand. "Reicht das?" Der Wirt betrachtete den Schein prüfend und antwortete. "Für ein, zwei Drinks." "Nun dann will ich ein, zwei Whisky, aber nicht den russischen Grillanzünder da, sondern Richtigen." "Wie du meinst." Der Wirt nahm eine Flasche Whisky von der Bar und schenkte drei Gläser für John ein. "So für mehr reicht der 10er nicht." "Das passt schon," meinte John und goss sich einen der Whiskys hinter die Binde. Dabei drehte er sich von der Bar weg und musterte die Leute. Da saß Kraswili. Am anderen Ende der Bar umgeben von seinen Gorillas. Vier Stück waren es. Kein Problem für John, aber noch war es zu früh, noch war es zu auffällig. Plötzlich erwachten Lautsprecher mit einem lauten Knacken zum Leben und blechern klingende Musik erklang. Die Show schien anzufangen. Zwei spärlich bekleidete osteuropäisch wirkende Mädchen staksten unter dem Gejohle der Zuschauer auf die Bühne. John schätzte sie auf höchstens 18. Wahrscheinlich hat man sie mit dem Versprechen auf ein besseres Leben von zu Hause weg gelockt. Hierher in die Hölle, ohne Papiere, ohne Identität, ohne Wert, ohne Zukunft. John wusste viel über Kraswili und je mehr er erfahren hatte, desto größer wurde der Wunsch dieses Schwein in die Hölle zu schicken. "Und nun zum Aufwärmen, frisch eingetroffen aus Übersee, Julya und Natasha." klang es aus den Boxen. John drehte sich kurz zur Bar und sah dabei den Wirt in ein Mikrofon sprechen. Die beiden Mädchen begannen sich abgehackt zur Musik zu Bewegen und ihre Hände unbeholfen über den Körper zu streichen. Ihre nervösen Blicke wanderten über die Zuschauer. Wenn man genau hinsah konnte man ein überschminktes blaues Auge sehen. "Titten raus!" grölte einer der Zuschauer. "Genau!" kam es aus einer anderen Ecke.

John wandte seinen Blick von der Bühne ab und fixierte wieder Kraswilis Separee, der die Show mit ausdruckslosen Gesicht verfolgte. John torkelte mit seinem Whisky in der Hand langsam in die Richtung. Bald war die Stimmung in der Bar für seine Tat genau richtig. Die beiden Mädchen wurden derweil von der Bühne geholt und durch eine erfahrenere Stripperin ersetzt. Geldscheine flogen auf die Bühne. John erreichte das Separee und lehnte sich an die dünne Bretterwand genau hinter Kraswili. Er atmete ein paar mal tief ein und aus, um seinen Körper zu beruhigen und legte dann seine Hand auf den Griff seines Schwertes. Lautlos zählte er bis drei, riss das Schwert aus seiner Scheide und stieß die Klinge durch das Holz. John fühlte wie die Klinge erst durch das harte Holz und dann durch das vergleichsweise weiche, menschliche Fleisch stieß. Schnell zog er die rot glitzernde Klinge heraus um sie ein paar Zentimeter daneben noch einmal durch zustoßen und wieder herauszuziehen. Jetzt war es an der Zeit seinen Gegnern offen gegenüber zu treten. Mit schnellen Schritten und mir zur Abwehr erhoben Schwert lief er um die Wand. Kraswilli saß mit vor Überraschung weit aufgerissenen Augen da. Zwei große Löcher aus deinen Blut floss zierten seinen Oberkörper. Verzweifelt versuchte er Luft in seine durch das Schwert zerstörten Lungen zu Pumpen. Die vier Leibwächter wussten nicht recht was geschehen war, als Johns Schwert die Brust des Ersten durchbohrte. Das laute Kreischen der Stripperin übertönte sogar den Lärm der Bar. Bis auf das kreischend zusammenbrechenden Mädchen und die billige Musik aus dem Lautsprecher herrschte plötzlich Totenstille, während John mit einer eleganten Halbdrehung den Kopf des zweiten Leibwächters von dessen Körper trennte. Blut ergoss sich über den Tisch. Endlich waren auch die beiden anderen Leibwächter aus ihrer Überraschung aufgewacht und versuchten verzweifelt an ihre Pistolen, die sich in Brusthalftern befanden, zu kommen. In der Bar brach die Hölle los. Schreiende Menschen versuchten durch den Ausgang zu fliehen, während der Barkeeper nach seiner unter der Bar versteckten Pumpgun griff um John eine Ladung Schrott in den Körper zu pumpen. Wieder andere Besucher versuchten ihre eigenen Waffen zu ziehen um damit John zu erschießen. Schüsse halten durch den Raum, die vom Schmerzensschreie fliehender Gäste beantwortet wurden. John streckte derweil den dritten Leibwächter mit seinem Schwert nieder, der gurgelnd Luft und Blut atmet auf dem Tisch mit zerschnittener Kehle zusammensackte. Nur noch einer. In diesem Moment spürte John einen stechenden Schmerz in der linken Schulter und das herablaufen einer warmen, klebrigen Flüssigkeit, der ihn eine Sekunde aus dem Gleichgewicht brachte. Lange genug für den vierten Leibwächter seine Waffe zu ziehen und abzudrücken.

Die Zeit verlief für John wie in Zeitlupe. Unendlich langsam krümmte sich der Finger der Leibwache genauso langsam bewegte sich der Schlitten der Pistole und John konnte die Kugel auf sich zufliegen Sehen, während der Schlitten schon die nächste Kugel ausspuckte. Ein Treffer, zwei Treffer, drei Treffer, John wurde von den einschlagenden Kugeln nach hinten gedrückt, während er langsam in sich zusammensackte, 4 Treffer. John lag am Boden. Er konnte sich nicht bewegen, nichts mehr hören. Er fühlte wie das Leben aus ihn heraus floss. Eine Träne lief auf seinen Auge heraus. Endlich war er wieder mit seiner Familie vereint. Ein Pistolenlauf gefolgt von der Leibwache erschien in seinem Blickfeld. Mit zornesroten Gesicht schrie er Worte, die John nicht verstand, dann drückte er ab. Schwärze.

Kim Wong saß hinter dem Mahagoni Schreibtisch seiner Penthauswohnung und studierte Memos. Es klopfte an der Tür. "Herein," rief Wong mit leichten japanischen Akzent. Ein Bediensteter betrat das Zimmer und verbeugte sich knapp. "Mister Wong, verzeihen sie die Störung, aber sie wollten sofort über den Ausgang von Operation Eastside informiert werden." Wong machte eine Geste, damit der Bedienstete fortfuhr. "Nun der russische Lachs wurde sauber filetiert." "Und der Metzger?," fragte Wong. "Der erlitt eine Bleivergiftung." Wong gestattete sich für einen Moment ein kaltes Lächeln. "Vielen Dank für diese Information." Der Bedienstete verbeugte sich knapp und verließ, die Türe hinter sich schließend, das Zimmer. Mary-Ann fand das lustig. Sie stand die ganze Zeit neben den Diener und schnitt ihm Grimassen, die er nicht sehen konnte. "Das da vorne ist also Mr. Wong," dachte sie. Sie ging auf den etwa 50 Jahre alten im Armani Anzug dasitzenden Japaner zu. "Was hatte ihr ihr Vater vorher gesagt? Sie musste ihre Hand durch seine Brust stecken und sie einmal fest zur Faust ballen." Mary-Ann kletterte auf den Schreibtisch. Mr. Wong zitterte kurz, wie wenn ein kalter Windhauch über seinen Körper gegangen wäre. Mary-Ann streckte die Hand in Mr. Wongs Brust und ballte sie zur Faust. Als sein Bediensteter ihn eine halbe Stunde später fand, lag er mit verkrampften Gesicht und beiden Händen an der Brust halb vom Stuhl gefallen da. Der Arzt stellte Herzinfarkt als Todesursache fest. Zwei Unterweltbosse, die am selben Tag starben. Manchmal gibt es schon seltsame Zufälle.

Mittwoch, 2. Januar 2008

Beschreibung eines Zimmers

Wir betreten ein Zimmer. Größe etwa 16 Quadratmeter. Höhe zwei Meter 50. An der Wand rechts neben der Tür befindet sich ein Poster. Es zeigt eine Cola Dose mit Kondenztropfen. Wir schließen die Tür, eine helle klarlackierte Holztür mit Glaseinsatz hinter uns und schauen und weiter in dem Zimmer um. Auf dem Holzboden befindet sich ein weißer Teppich worauf ein Jugendlicher im Schlafsack liegt. Doch dazu später mehr. Zu unserer Linken befindet sich ein Schreibtisch, darüber ein offenes Regal. Der Schreibtisch ist peinlich genau aufgeräumt. Stifte befinden sich in den dafür vorgesehenen Behältern. Ein Lineal liegt in einer kleinen Mulde im Schreibtisch. Ein paar Blätter liegen drauf. Geordnet, die Seitenkante paralell zu den Tischkanten. Im hinteren Bereich des Tisches steht ein Computermonitor der von einer roten Staubabdeckung aus Plastik umschlossen ist. Kabel verlaufen vom Monitor unter den Tisch. Eins zu einer Tastatur. Auch sie besitzt eine Staubabdeckung aus Plastik. Sie ist farblos und durchsichtig. Das andere Kabel verläuft zum Computertower. Er ist staublos. Vor dem Schreibtisch ein kleiner Bürostuhl. Die Lehne des Stuhles berührt die Tischkante. Aufgeräumt. Wenden wir nun unseren Blick dem Regal zu. Es hat drei Ebenen. Die oberste Ebene ist voller Bücher, Jugendbücher, Mädchenliteratur. Alle dicht an dicht, Buchrücken berührt Buchdeckel. Die zweite Ebene enthält ebenso Bücher.

Romane. Bei der untersten Ebene verhält es sich anders. Links und Rechts Bücher. Sachbücher, Schulbücher, Wörterbücher, Lexikas. In der Mitte eine freie Stelle. Ein paar Blätter liegen dort. Auf den den Blättern eine Schachtel Antibabypillen. Hinter dem Regal befindet sich ein CD Ständer. Er enthält einige CDs, gebrannte und originale. Darüber auf einem mit der Wand verbundenen Holzbrett ein kleiner Fernseher mit Videorekorder.

Unsere Augen wandern weiter durch das Zimmer und erreichen nun die Rückwand, welche aus einem großen Fenster besteht, das die obere Hälfte ausfüllt, die untere Hälfte wird von einer Heizung dominiert. Vor dem Fenster zugezogene gelbe Vorhänge, durch die das komplette Zimmer eine gelbe Färbung bekommt. Keine Rolläden. Nun zur rechten Wand. Gleich nach dem Fenster wieder ein kleines Regal, welches voller Software ist. Computerspiele oder Arbeitsprogramme. Danach beginnt ein Bett in dem eine Jugendliche schläft. Auch diese Beschreibung später. Über dem Bett eine Leiste. An ist eine Lampe angebracht. Auf der Leiste Stofftiere, Fotos - das Mädchen mit Familie, das Mädchen mit Freunden, das Mädchen alleine - Pokale und Medallien. Darüber ein Schrank mit geschlossenen Türen. Nach dem Bett ebenfalls ein Schrank, wahrscheinlich der Kleiderschrank.
Beenden wir nun den Rundgang durch das Zimmer und wenden wir unsere Aufmerksamkeit den beiden Personen im Raum zu. Zuerst zu dem Mädchen. Sie ist etwa 19 Jahre alt, blond, Kurzhaarfrisur, die Augen geschlossen, der Mund leicht geöffnet so dass man ihre weißen Zähne leicht unter ihren blassroten, dünnen Lippen hervortreten sieht. Ihre Haut ist blass, Sommersprossen ziehren ihr hübsches, entspanntes Gesicht. Sie schläft auf ihren Rücken. Fast der komplette restliche Körper ist unter der himmelblauen Bettdecke des Federbettes verborgen, die sich gleichmässig im Atemrhythmus des schlafenden Mädchens hebt und senkt. Der restliche Körper lässt sich nur erahnen, schlank, etwa 1,60 groß, die Arme neben dem Körper. Die linke Hand ragt unter der Decke hervor feingliedrige lange Finger, die Fingernägel mit klaren Nagellack lackiert. Sie sind sauber geschnitten. Selbiges gilt für ihren nackten linken Fuss, der ebenfalls nicht von der Decke verdeckt wird. Etwa Schugröße 35. Nun zu dem Jungen. Auch er ist etwa 19 Jahre alt, schlank, er liegt in einem grünen Schlafsack, der auf einer grünen Isomatte liegt, die sich wiederum auf dem weißen Teppich befindet. Auch der etwa 1,80 lange Junge liegt auf seinen Rücken, sein Körper befindet sich fast komplett in dem Schlafsack, nur Schultern und der Kopf sind frei. Dieser ruht auf einer Mischung aus Kissen und einem zusammengefalteten Sweatshirt. Er ist wach, seine braunen Augen sind auf das schlafende Mädchen gerichtet. Er lächelt glücklich und zufrieden.

Drei Abende

"Verzeihung werte Dame, seid ihr euch sicher, dass ihr hier richtig seid? Der Bühneneingang befindet sich drei Türen weiter." Köpfe reckten sich zum Eingang des kleinen Varietes und betrachteten den neuen Gast. Gelächter bach aus. Die Köpfe richteten sich danach wieder auf die kleine, mäßig beleuchtete Bühne. "Nun das war es dann auch wieder für heute. Bleiben sie ruhig hier und geniesen sie auch das restliche Programm. Auch wenn sie nur wegen mir gekommen sind." Gelächter. "Nun mich können sie dann morgen wieder sehen." Tusch. Verbeugung. Spotlight auf den Künstler. Applaus. Spotlight weg. Abgang. Dafür interessierte sich die zuvor angesprochene Frau nicht. Sie suchte sich derweil einen der hinteren, im halbdunklen liegenden, Ecktische und winkte nach einem der Kellner. Dieser deutete, dass er gleich kommen würde. Balancierte sein Tablett zu einem anderen Gast, brachte diesen seine Bestellung und ging dann zu der Fremden. "Sie," kurzes Stocken,"wünschen?" "Eine Flasche CHÂTEAU D'YQUEM, Jahrgang 1982, zwei Gläser und ein kurzes Gespräch mit Herren Streicher." Irgendetwas war seltsam an dieser Frau, deren Oberkörper und Gesicht im Schatten des kleinen Separees lag. Irgendetwas war in ihrer, melodiösen, weiblichen Stimme, dass bei dem Kellner eine Gänsehaut entstehen lies. "Wie sie wünschen," wieder ein kurzes Stocken, "ich werde sehen was ich machen kann. Sie heißen?" "Annabelle de Moivre" Der Kellner wendete sich ab. Schneller als bei anderen Gästen und war froh nicht mehr in der Nähe dieser seltsamen Frau sein zu müssen. Seine Gänsehaut lies nach. Er ging zur Bar. "Max eine Flasche Château Sociando-Mallet und die Dame will Josef sprechen. Du irgendwie ist die mir nicht geheuer." "Weil sie ne Flasche Weißwein bestellt, die 329 Euro kostet? Die will den sicher engagieren, also bring der Dame den Wein und ich hohl Josef." "Wie du meinst ich hab dennoch ein komisches Gefühl." "Papperlapapp. Du und deine komischen Gefühle. Solltest neben deinem Studium und den Job hier mehr unter Menschen gehen und nicht die restliche Zeit zu Hause versauern, dann vergehen die komischen Gefühle ganz von selbst und jetzt lass die Dame nicht warten." Max drückt ihm zwei Weingläser und die bestellte Flasche in die Hand. Der Kellner brachte die Flasche zu den Tisch, kassierte die Rechnung, steckte sein Trinkgeld ein und kümmerte sich dann sichtlich erleichtert um die anderen Gäste.

Derweil an der Bar. "Hey erledige mal kurz die Bar. Ich muss kurz hinter die Bühne, Josef sprechen." "Gut Chef". Max, etwa 1,85 groß, normale Figur, perfekt frisiertes kurzes schwarzes Haar, schwarzer Anzug, polierte schwarze Lackschuhe, verließ den Tresen und ging durch eine Tür, über der "Nur für Personal" stand, hinter die Bühne. Er durschritt einen kurzen geweiselten Gang bog einmal links ab und erreichte den Künstlerbereich in welchen sich gerade zwei bald auftretende Artisten dehnten und streckten. "Wo ist Josef?" "In seiner Garderobe, wo sonnst?" "Vielen Dank." Max ging zu Josef´s Garderobe und klopfte kurz aber kräftig an. Nach einigen Momenten ertönte ein "Komm herein Max. Es ist offen.", durch die Tür. Er betrat den Raum, schloß hinter sich die Tür und sah Josef, der gerade das Programm des morgigen Abends durchging, auf seinen Stuhl sitzen. "Nun was willst du Max? Ich werde doch keine Gehaltserhöhung bekommen?" Ein kurzes Lächeln glitt über Max Gesicht. "Nun von mir zwar nicht, aber Geld könntest du tatsächlich bekommen. Du erinnerst dich an die Dame, die am Ende deines Auftritts das Varieté betreten hat?" "Du meinst diese Hammerbraut mit dem Kleid und dem Schmuck aus dem Theaterfundus?" "Ich glaube das Kleid und der Schmuck sind echt. Sie hat ne Flasche CHÂTEAU D'YQUEM, Jahrgang 1982 bestellt und gleich bar bezahlt gab Michael noch ein fürstliches Trinkgeld und sie will dich sprechen." "Oh", Josef war tatsächlich etwas überrascht, "sie gab Michael ein fürstliches Trinkgeld?" Deutliche Überraschung liegt in seiner Stimme "Nun dann wollen wir doch die Dame nicht warten lassen." Ein verschmitztes Lächeln erschien auf Josefs Gesicht. "Ist schon ne Zeit lang her, dass ich so teuren Wein getrunken hab. Ich werde gleich kommen." "Gut." Max verließ darauf hin den Raum. Josef betrachtete sich ausführlich in seinem Spiegel, frisierte sein Haar, glättete die Falten in seiner Kleidung, besprühte sich mit einigen Tropfen Deodorant und verließ mit einem fröhlichen "Na dann wollen wir mal" seine Garderobe.

Wieder vor der Bühne. Inzwischen war eine Akrobatennummer auf der Bühne. Ein Mann und eine Frau, die die Aufmerksamkeit des Publikums mit gekonnten Kraftnummern und gespielter Leichtigkeit gefangen nahmen. Annabelle de Moivre interessierte das nicht. Ihre gesamte Aufmerksamkeit galt der kleinen Tür, die zum Backstage-Bereich führte. Der Typ von der Bar war vor ein paar Minuten wieder herausgekommen und keiner der Kellner hatte ihr bis jetzt eine Absage Streichers erteilt. Es dürfte also nicht mehr lange dauern, bis er endlich erschien. Sie versuchte sich zu entspannen. Es stank erbärmlich. Nach Schweiß von primitiven Tier, mühsam überdeckt durch billige Deodorants. Doch darunter mischte sich noch ein anderer Geruch. Ein lieblicher Geruch. Ein schmeichelhafter Geruch. Ein Geruch der ihre Sinne zu vernebeln drohte. Ihre mühevoll aufgebaute Fassade brüchig werden lies. Leben. Leben, dass durch Adern floss, dass den widerlichen Gestank überdeckte. Das... Sie schüttelte kurz den Kopf. Nein sie musste sich noch gedulden. Nur noch heute. "Ah! Da kommt ja meine Bestellung", dachte sie.

In der Tat Streicher kam endlich aus der Tür, wechselte ein paar Worte mit anderen Gästen, lies das eine oder andere Foto von sich machen und zwängte sich mit sanfter Gewalt, ganz der Profi eben, zu dem im halbdunklen liegenden Ecktisch. "Verzeihen sie meine Verspätung. Ich musste noch etwas erledigen, dass keinem Aufschub duldete. Sie sind also Madame de Moivre?" "Ja" tönte es aus dem Halbdunkel. "Setzen sie sich doch." Streicher setzte sich auf dem ihn angebotenen Platz und versuchte seine Gegenüber zu mustern. Es gelang nicht. "Teufel normalerweise ist es hier nicht so dunkel." Laut sagt er: "Weshalb wollen sie mich sprechen." Die Antwort kam prompt:"Ich will sie engagieren. Für eine private Feier. Wir wollen sie als Moderator für das Rahmenprogramm und natürlich für einige kleine Nummer zwischendurch. Termin wäre nächsten Samstag 20:30 in der Rubensteinstraße 35." "Rubensteinstraße," schoss es Streicher durch den Kopf, "das ist die absolute Top Adresse. Künstleratilies, Feinkostläden, Cafes usw. Da kostet eine Tasse Kaffee mehr also hier ein 2 Gänge Menü." Laut sagte er hingegen: "Ich muss kurz in meinem Terminkalender nachschauen." Er zog seinen leeren Terminkalender hervor. Ein Relikt aus besseren Tagen. Damals als er noch eine eigene Fernsehshow hatte. "Samstag sagten sie? Das wäre mein freier Tag. Aber sie wissen ja. Ich bin nicht der billigste." "Reichen 10.000 für den Abend?" "10000. ZEHN TAUSEND!!", hallte es in seinem Kopf,"das letzte mal dass ich 10.000 hatte war, als ich meinen Mercedes zwangsversteigern musste." Seine Hände wurden feucht. "Hoffentlich merkt sie das nicht." Laut:"Damit lässt sich leben. Was muss ich genau tun?" "Wir lassen ihnen das nötige zukommen. Bis Samstag. Und genießen sie den Wein. Sehen sie ihn als kleine Anzahlung."

Mit diesem Worten stand sie auf und verließ das Lokal. Endlich raus aus diesem Gestank. Endlich weg von den Menschen. Streicher saß mit offenen Mund alleine an dem Ecktisch. War das ein Traum? War es Wirklichkeit? Die Flasche Wein stand vor ihm. Unangebrochen. Also doch Wirklichkeit. Irgendetwas war an der Frau seltsam. Nur was? Ihr Kleid, dass aussah als wäre es aus dem Theaterfundus? Dieser schwarze tiefgeschlitze lange Rock und die dazugehörige schwarze Korsage, die ihren nackten Rücken freigab? Das war sicher irgend so ein Trend bei den oberen 10.000. Die hatten ja dauernd irre Klamotten an. Nein es war irgendwas anderes. Nach dem vierten Glas Wein fiel es ihn wieder ein. Er kannte ihr Gesicht nicht. Obwohl das Gespräch über mehrere Minuten ging, kannte er es nicht. "Lag wohl am Schock. 10.000 Öcken für ne Moderation und ein paar Gags und mit ein wenig Glück wieder den Fuß im Big Business. Da kann man sowas schon mal übersehen. 10.000! Das Leben kann so wunderschön sein." Er nahm die Flasche Wein mit hinter in die Garderobe, packte seine Sachen und fuhr mit einem Taxi nach Hause. Nein in dem Zustand fuhr er nicht mehr Auto. Berauscht vom Wein und berauschst von der Aussicht des vielen Geldes. Nein, dafür riskierte er nicht seinen Führerschein. Dafür nicht.

Samstag eine Woche später.
"Rubensteinstraße 31, Rubensteinstraße 33, Rubensteinstraße 35. Ich bin da." Josef Streicher stand vor der ihm genannten Addresse. Ein Torbogen, der in einen gepflasterten Hinterhof führt. "Juppies.", dachte Josef. Er betrat den Hinterhof und suchte nach den Eingang oder einem Fenster. Nichts, nur Wände und eine Treppe, die nach unten ging. "Komischer Ort für einen Laden. Muss aber genug Kohle machen. Sonst würden sie mir nicht 10.000 anbieten und sonnst würde er sich hier nicht halten können." Josef stieg die 20 Stufen der Treppe hinab und stand vor einer mit seltsamen Figuren und Fresken verziehrten Holztür. "Schaut irgendwie okultistisch aus." Über der Tür befand sich in gothischen Lettern der Name des Ladens. "After Dusk". Josef schluckte unbewusst. "After Dusk. Deswegen diese Klamotte und der Name. Ich hätte es eigentlich wissen müssen." Das After Dusk war eine spezielle Kneipe für Leute, die den besondern Kick brauchten. Worin dieser Kick bestand darüber wurde geschwiegen. Dafür gab es Gerüchte, viele Gerüchte, seltsame Gerüchte. Gerüchte von Orgien im Stile der "120 Tage von Sodom". Unbstätigte Gerüchte. Gerüchte von Polizeirazzien, die ohne Beweise wieder abziehen mussten. Schweiß bildete sich auf Josefs Stirn, Er wollte weg. "Scheiß auf die 10.000 Euro. Scheiß drauf." Gerade als er gehen wollte öffnete sich die Tür und Annabelle de Moivre stand in der Tür. Sie trug das gleiche schwarze, barocke Kleid wie vor einer Woche. Ihr Gesicht war von einer weißen venizianischen Halbmaske verdeckt. Josef konnte nur ihre Augen mit violetten Pupillen - "sicher Kontaktlinsen", dachte Josef - sowie ihren zartrosanen Mund sehen. Erst jetzt viel Josef auf, wie bleich Annabelle doch war. "Wie weißer Marmor" kam es Josef in dem Sinn. "Guten Abend. Herr Streicher. Pünklich wie es sich für einen Profi ihres Schlages gehört. Wenn sie mir folgenen würden." Sie öffnete die Tür und was dahinter lag entäuschte Josef. Ein kurzer mit weißem Marmor gekachelter Gang, der in einer weitern Tür endete aus der gedämpfte Musik klang. Industrial. Josef folgte der Frau und mit jedem Schritt wich seine Angst. "Man wie konnte ich nur so dumm sein." Er kam sich wie ein kleiner Junge vor, der gerade festgestellt hat, dass das Monster unter seinem Bett nur in seiner Phantsie existierte und der sich alle die Jahre nur vor seiner eigenen Phantasie gefürchtet hat. Sie gingen durch die Tür. Dahinter lag eine kleine Gaderobe in der ein etwa 20 jähriges Mädchen saß, das gelangweilt Kaugummi kaute. Auch sie war im barocken Stil gekleidet doch wirkte sie deutlich gesünder als Madame de Moivre. "Den Mantel bitte.", meinte sie zwischen zwei Kaubewegungen. Josef gab ihr seinen Mantel und erhielt eine Zettel mit einer Nummer drauf. 13. Es hingen noch wenig Jacken in der Gaderobe. "Liegt wohl daran, dass es erst 19 Uhr ist und die Bar gerade geöffnet hat," dachte er. Sein Programm sollte auch erst um halb neun beginnen. Sie betraten den Raum.

Montag, Abend.
Josef erwachte. Schmerzen. Höllische Schmerzen. Jeder Nerv seines Körpers schrie. Er versuchte die Augen zu öffnen. Nur Schwärze, neue Schmerzen. Langsam ebbte der Schmerz ab. Jeder Atemzug Linderung. Die Schwärze begann zu verschwinden, bildete Konturen, Formen, Farben. Wo war er nur. Er versuchte den Kopf zu bewegen, was ihm dieser mit einer neuen Schmerzexplosion dankte. Die Konturen kamen ihn bekannt vor. "Das ist doch meine Wohnung," fiel es ihn ein. "Was ist nur geschehen? Was nur?" Einige Minuten später. Plötzlich kam die Veränderung. Gerade noch ein Bündel Schmerzen und jetzt pure Energie. Er fühlte dich pudelwohl und stand auf. Seine Theorie bestätigte sich. Er war wirklich in seiner Wohnung. Neben ihn lag ein Koffer mit Geld. 10.000 Euro. Seine Gage. Darauf ein Brief. Josef öffnete ihn. "Willkommen im Club "After Dark". Wir bedanken uns für ihre Mitgliedschaft und hoffen, dass sie uns bald wieder Besuchen." Josef versuchte sich an die Ereignisse dieses Abends erinnern. Doch da war nichts. Nur Schwärze. Er betrat sein Bad. Ein greller Schrei ging durch seine Wohnung. Kein Spiegelbild! Er betrachtete seine Haut. Bleich! Wie weißer Marmor! Von wächsiger Konsistenz. In diesem Moment riß der Mantel des Vergessens und Josef erinnerte sich an jedes Detail der letzten Tage. An dem Abend in der Bar, seinen Auftritt, der Nacht mit Annabelle, der stechenden Schmerz als sie ihn Biss und zum Mitglied machte, der leblose Körper des Gaderobenmädchens, der süße, liebliche Geschmack ihres Blutes in seinem Mund, die Angst in ihren gebrochenen, toten Augen, sein zurückkommen, seinen Tod vor wenigen Minuten und seine Widergeburt als Wesen der Nacht. "Das Leiden Christi," dachte er mit einem kalten Lächeln auf den Lippen. Jetzt war er ein anderer, etwas anderes, kein Mensch mehr, sonden ein junger Halbgott. Er ist auf die nächste Sprosse der Evolutionsleiter gesprungen. Jetzt war er ein Jäger und die Menschen nur noch Beute. Ja er war ein Jäger und er war hungrig. Er wusch sich und zog sich an. Er musste sich schick machen für den Abend. Für seinen Auftritt im Club. Für sein Abendessen. Für die Jagd.

The Avenger

Er stand alleine auf dem Dach des nächtlichen Hochhauses. Über ihm die Sterne, unter ihm die pulsierende Stadt. Die Lichter der Autos, Laternen, Leuchtreklamen. Alles so klein. Er atmete tief durch. Nein er war nicht hier um die Aussicht zu genießen. Die Einsamkeit auf dem Dach. Nein seine Anwesenheit hatte einen Grund. Dieser Grund befand sich etwa zehn Stockwerke tiefer und hieß Alonzo Refiani. Grundstücksmakler. High Society. Offiziell. Inoffiziell war er die rechte Hand des Paten und er hatte seinen Bruder auf dem Gewissen. Deswegen war er heute hier. Aug um Aug. Zahn um Zahn. Er zündete sich eine Zigarette an. Um die Nerven zu beruigen. Ironie des Schicksals. Sich mit einem Auputschmittel zu beruhigen. Er atmete den Rauch aus, der eine kleine Wolke vor seinem Gesicht bildete und sich danach in der Nacht verteilte. Noch ist es zu früh. Noch musste er warten. Noch sind zu viele Menschen unterwegs, zu viel Aufmerksamkeit. Um sich die Zeit zu vertreiben überprüfte er seine Ausrüstung. Zum 12. mal. Das Seil an der Antenne, dass seinen Sprung abfangen soll, seinen Rucksack mit seinem Rückfahrtschein, die beiden MP5 an seinem Gürtel - Sie sind entsichert, die Magazine sind voll -, seine Kleidung. Sie ist vollkommen schwarz, schwarze Schuhe, enganliegende schwarze Hose, kugelsichere Weste darüber ein schwarzes enganliegendes Oberteil, eine schwarze Skimaske, schwarze Handschuhe. Er blickte über den Rand des Daches. Die Straßen leerten sich. Bald konnte er beginnen. Er überprüfte noch einmal den Knoten seines Seiles. Seine einzige Versicherungen gegen einen schnellen schmerzhaften Tod auf dem Asphalt der Straße. Der Knoten saß. Das andere Seilende fädelte er um seinen Körper. Durch die automatische Kappvorrichtung, um sich davon zu lösen, wenn er sein Ziel erreicht hat. Die Zeit ist gekommen. Er warf seine Zigarette auf den Boden und trat sie aus, dann stellte er sich an den Rand des Daches. Schloß die Augen. Spürte noch für einen Moment die warme aufströmende Luft. Dann sprang er. Für einen kurzen Moment spürte er die Schwerelosigkeit. Hing in der Luft. Dann ging es abwärts. Zehn Stockwerke. Das Seil strafte sich, fing ihn auf. Er rasste auf die Glasfront des Appartments zu. Gott sei dank kein Sicherheitsglas. Sonst wäre er so tot wie eine Fliege die gegen die Frontscheibe eines rasenden LKWs flog. Die Scheiben waren abgedunkelt. Er versteifte seine Beine.

Die Scheibe zerbrach in Millionen kleinster Splitter, die in der Luft standen, sich langsam auf die Straße abregneten, sich im Zimmer dahinter verteilten. Einige Leute sahen nach oben und brachten sich dann schnell vor den Splittern in Sicherheit. Einer rief die Polizei. Der Knall war in der ganzen Straße zu hören gewesen. Der Jäger kappte im Moment des Scheibendurchbruchs sein Seil. Er rollte sich auf dem dahinterliegenden Teppich ab, kam durch den Schwung wieder auf die Beine, zog seine Waffen und schaute sich um. Durch seine Kleidung blieb er komplett unverletzt. Nicht mal eine Schnittwunde. Auf einen blauen Sessel saß ein Mann, ein Bodyguard. Im ersten Moment vollkommen überrascht. Im nächsten Moment wollte er nach seiner Waffe greifen. Es blieb bei dem Wollen. Blut, Gehirnmasse und Knochenstücke versauten den Sessel, als eine Kugel der MP5 seinen Kopf durchlöcherte. Ein sauberer Schuß. Sofort tot. Der Rächer durchquerte das Zimmer zu einer Tür, der Schlafzimmertür Refianis. Er trat mit voller Wucht dagegen. Sie flog mit einem lauten Knal auf. Dahinter das Schlafzimmer. Im Bett lag Refiani, beide Hände an der Bettdecke. Die Decke fast bis zum Hals hochgezogen. Neben ihn ein Mädchen, nackt. Angst stand in ihren Augen. Furchbare Angst. Sie war jung. Mit viel Fantasie 18. Fantasie, die dem Rächer fehlte. "Du Schwein", sties er hervor,"eine Bewegung und du leistest deinem Bodyguard vor der Tür Gesellschaft." Er eilte auf das Bett zu und sprang auf Refiani. Die eine MP5 am Kopf, die andere an der Männlichkeit. Zu viel für das Mädchen. Sie verlor das Bewusstsein. Refiani war wie gelähmt. Er war kreidebleich. "Rede du Schwein. Wo ist Kalgeri? Wohin ist dieser Hurensohn verschwunden nachdem Mord an meinem Bruder. WOHIN!" Der Rächer drückt fester auf die Männlichkeit. Refiani stöhnte auf. Der Bann war gebrochen. "Silvin Road", stöhnte er heiser und mit leichten italienischen Akzent. Der Druck auf sein Gemächt würde stärker. "Silvin Road 85. Appartment 12". Draussen hörte man Geräusche, die sich der Wohnung näherten. Refianis Männer hatten mitbekommen, was sich bei ihrem Chef abspielte. "Danke", sagte der Rächer,"und das ist für die Kleine." Er drückte ab. 2 Kugel machten Refiani zum Eunuchen. Er verlohr das Bewustsein. Blut färbte das Bettlaken rot. Der Rächer sprang auf musterte kurz das Mädchen. Babystrich. Eindeutig drogensüchtig. "Wieder ein unschuldiges Opfer mehr", schoß es dem Rächer durch den Kopf. "Ich kann ihr nicht helfen. So sehr ich auch will." Eine Träne in seinem Auge. Draussen vor der Wohnungstür Lärm. Verdammt er musste raus. Raus aus der Wohnung. Er rannte zur Schlafzimmertür, durch das Zimmer, zum Loch in der Glasfront. In diesem Moment gab die Wohnungstür nach. Fünf Männer stürmten mit gezogenen Waffen in die Wohnung. Der Rächer sprang. Zwei der Männer rannten zum Loch, die anderen drei in das Schlafzimmer. Die Männer beim Loch sahen gerade noch wie sich ein Paraglider öffnete an dem der Rächer durch die Nacht glitt. Sie schossen ein paar mal auf ihn. Ohne Erfolg. Dann war er ausserhalb der Reichweite ihrer Schußwaffen. Sekunden später komplett in der Nacht verschwunden. "Verdammt.", entfuhr es einem der Beiden.

Derweil im Schlafzimmer Refianis. Die drei Männer stürmten in das Schlafzimmer. Sahen die beiden bewusstlosen Menschen im Bett. Einer der drei eilt zu Refiani. Fühlt seinem Puls. "Er lebt noch. Ruf einen Krankenwagen. Schnell." "Was machen wir mit der Kleinen?", fragte der dritte Mann. "Verschwinden lassen, und zwar schnell.", erwiederte der Mann bei Refiani.

Einen Tag später. Morgens. Der Rächer sitzt in seinem unter falschen Namen gebuchten Hotelzimmer. Er ließt Zeitung.
"Schwerer Überfall auf stadtbekannten Immobilienmakler.
Wie wir erfuhren wurde auf den stadtbekannten Immobilienmakler Alonzi Refiani in der Nacht von Vorgestern auf Gestern ein schwerer spektakulärer Überfall verübt. Der oder die Täter drangen über die Frontscheibe seines Appartments im 80. Stock seines Hochhauses ein. Dabei wurde ein Leibwächter Refianis getötet und Refiani schwer verletzt. Gestohlen wurde nichts. Insider vermuten, dass es sich dabei um einen Racheanschlag der Mafia handelt könnte, zu der Refiani Kontakte haben soll. Refianis Anwälte jedoch bestreiten dies vehement. Aus Polizeikreisen gibt es dazu keine Stellungnahme. "Wir ermitteln hierzu", hieß es lapidar aus dem zugehörigen Polizeipräsidium. Refiani befindet sich weiterhin im Krankenhaus. Er schwebe aber nichtmehr in Lebensgefahr, hieß es vom zuständigen Krankenhaussprecher. Soviel zum aktuellen Stand der Dinge. Wir werden natürlich weiterhin über diesen Fall berichten."
Mit unbewegter Mine blättert er weiter. Bis auf die vierte Seite. Dort ein Bild eines Mädchens. Eines toten Mädchens. Das Mädchen aus Refianis Schlafzimmer.
"Mord im Babystrichmilieu.
Gestern Abend wurde die Leiche eines etwa 16 Jahre alten, nackten Mädchens am Ufer des George Kanals durch Kanalarbeiter gefunden. Die Polizei geht von einem Sexualmord aus, da es sich bei dem Opfer um eine polizeibekannte drogensüchtige Stricherin handelt. Inwiefern sich diese Vermutung bestätigt, wisse man erst, wenn der der Obduktionsbericht vorliegt, hieß es aus der Polizeidienststelle. Desweiteren sucht die Polizei nach möglichen Zeugen. Sie sollen sich .... "
Der Kopf des Rächer sinkt in seine Hände. Tränen tropfen auf das Zeitungspapier. "Schon wieder ein unschuldiges Opfer. Warum nur? Wieso musste das nur alles passieren? Wieso nur? Doch bald ist es vorbei. Bald. Nur noch zwei Stationen. Noch zwei Stationen bis zum Mörder meines Bruders. Und dann wird abgerechnet. Abgerechnet für all das Leid. Abgerechnet für alle die unschuldigen Opfer." Die Tränen versiegen. Entschlossenheit steht im Gesicht des Rächers geschrieben. "Oh ja bald ist alles vorbei. Dafür werde ich sorgen."

Skiwanderung

Tote Augen
Welch wunderbares Gefühl war es fallen
Getragen vom Wind
Losgelöst vom Stamm
Um in Neuem gebettet zu zerfallen
Die Form als Ursprung ändert sich
und tote Augen sehen Leben
Und nach Verfall und Kälte
beginnt der Kreis sich zu schließen.
Wir erwachen und bemerken
das Sterben ist ästhetisch bunt
(Oswald Henke)

Einsam stand die Sonne am saphierblauen Himmel. Keine Wolke störte die brennende Flamme an diesem wunderschönen Spätwinternachmittag in den Alpen. Auf weiten Teilen der Berge lag Schnee, der im Schein der Sonne diamanten schimmerte. Dieses idyllische Bild wurde nur durch zwei Flecken auf dem ansonsten makellosen Weiß des Schnees gestört. Zwei Menschen, die auf ihren Skiern, durch ein Schneefeld wanderten. Der eine war ein etwa 50 jähriger Mann, der andere seine 18 jährige Tochter. Er trug einen graublauen Skianzug. Dazu eine abgedunkelte Skibrille um nicht an den reflektierten Sonnenstrahlen zu erblinden. Die Skistöcke hielt er fachmännisch und er bewegte sich sicher über das Schneefeld. Er wirkte durchaus wie ein erfahrener Skiwanderer. Selbiges galt auch für das Mädchen. Auch sie schien diesen Sport nicht zum ersten Mal auszuüben. Ihr schneeweißer Skianzug wirkte moderner als der des Vater. Dazu trug sie eine modische Skibrille.

Die Beiden waren vor etwa einer Stunde von einer kleinen Skihütte aufgebrochen und befanden sich nun auf den Weg ins Tal. Sie kannten den Weg zurück. Sind ihn schon oft gegangen. Sie unterhielten sich, über das Wetter, das gemeinsam verbrachte Wochenende, die Schule, die Zukunft, über was man halt so spricht, wenn man sich irgendwo im nirgendwo befand. Ein bis zwei Stunden von der Zivilisation entfernt.

Der Schnee, auf dem sie sich bewegten, war durch die Sonne leicht feucht und somit glitten sie praktisch problemlos darüber. "Wenn die Bedingungen so bleiben sind wir in gut 2 Stunden am Auto," meinte der Vater. Das Mädchen quitierte den Satz mit einem kurzen Nicken. "Das könnten wir schaffen," meinte sie daraufhin. Sie liefen weiter. Kleine Schneebröcken lösten sich aus der Spur und bildeten Kleinstlawinen von einigen Zentimetern Länge.

Plötzlich ein Schrei. "Scheiße!" Der Vater zuckte zusammen, drehte sich um und sah, wie seine Tochter heftig mit den Armen rudernd stürzte. Schnee rutschte nach unten, weiterer Schnee rutschte nach. Auf dem rutschenden Schnee das Mädchen. "Hey was soll das denn," sagt sie. Sie versuchte zu bremsen, doch es ging nicht. Immer mehr Schnee kam in Bewegung. Abwärts. Der Vater war einen kurzen Moment wie gelähmt, dann schrieh er mit panikerfüllter Stimme: "Mach die flach. Versuch dich festzuhalten. Irgendwo." Er schlug seine Hände vors Gesicht. Das Mädchen versuchte die Ratschläge zu befolgen doch anstatt abzubremsen schien es sie nur noch zu beschleunigen. Sie wurde schneller, immer schneller. Auf den Abgrund zu. "Verdammt es hilft nicht. Was soll ich nur tun?" schrie sie. "Versuch von dem Schneenbett runter zu kommen in den festen Schnee." In diesem Moment realisierte er die Entfernung zum Abgrund. Ihm stockte der Atem. Die Augen waren weit aufgerissen. Ein leises "Oh mein Gott" entstöhmte sein Lippen. "Dad was ist los? Verdammt was is los?" Panik. Das Mädchen drehte sich um und verstummte. Vor Schreck gelähmt sah sie den Abgrund auf sich zurasen. Sah die Wand auf der anderen Seite der Schlucht. Konnte die Tiefe erahnen. Sie began zu schreien, panisch versuchte sie festen Grund unter ihre Finger zu bekommen, sich irgendwo festzuhalten. Vergeblich.

Alles schien wie in Zeitluppe, als sie über den Rand schoß. Plötzlich kein Schnee mehr zwischen den Fingern. Das Gefühl von Schwerelosigkeit. Alles so unendlich langsam. Millimeterweise bewegte sie sich weiter, begann zu Fallen. Die Geschwindigkeit ließ nach. Die Schwerkraft begann zu wirken. Ihr Gesicht vom Schrecken gezeichnet. Der Mund weit aufgerissen, die Lippen blutleer. Die Pupillen geweitet. Zwei Trophen Speichel lösten sich aus ihren Mund. Sie schienen, ebenso wie die aufgewirbelten Schneekristalle in der Luft stehenzubleiben, während sie weiter fiel. Der Vater stürzte auf die Knie, die behandschuhten Hände vor dem Gesicht. Ein leises "Nein". Lauter "Nein" immer lauter "Nein" "NEEEEEIIIIIINNNNNN!!!!!!" Er hörte die Schreie seiner Tochter. Wie sie leiser wurden je tiefer sie fiel. Wie Echo hinzukam. Dann ein dumpfer Schlag tausendfach durch das Echo der Wände verstärkt. Augenblicklich Stille. Der Vater kippte auf seine Hände. Tränen sammelten sich in seinen Augen. Fielen auf die Visier der Schneebrille. Ein markerschütternder Schrei. Vögel stoben auf. Er heulte. Exodus.

Morgen

Just remember the death is not the end (Bob Dylan/Nick Cave)

Fröhlich begannen die ersten Vögel zu zwitschern, die ersten Insekten packten ihr Tagesgeschäft an und die aufgehende Sonne tauchte die Welt in ein zartes orange-rosa. Es ist 5 Uhr als ich an diesem Tage erwachte. In einer halben Stunde ging der Bus und in einer Stunde begann meine Schicht. Ich ließ die Szenerie einige Sekunden auf mich wirken und schälte mich dann vorsichtig aus dem Bett um meine Frau nicht zu wecken. Ich blickte auf das nun in zartrosa getauchte Bett. Betrachtete ihren sich gleichmässigen hebenden Brustkorb - ein schlafender Engel. Ich ging ins Bad um mich für den Tag frisch zu machen, rasiern, duschen, kämmen. Man kennt es ja. Währenddessen blickte ich immer wieder mal aus dem Badfenster um die leere Straße zu betrachten. Um diese Uhrzeit ist alles so idylische, so leer. Als wäre die Stadt ausgestorben. Ich zog mich an machte mir ein kleines Frühstück, 2 Tassen Kaffee, belegte Brote, ein Apfel und verließ daraufhin die Wohnung. Natürlich nicht ohne mich davor von meiner Frau zu verabschieden. Ein sanfter Kuss auf ihre zartrosa Wange.

Ich schlenderte die Gasse zur Bushaltestelle herab. Dort sah man dann die ersten Menschen. Verschlafen aussehende Leute, die mein Schicksal teilten. Frühschicht. Man nickte sich müde zu und wartete gemeinsam, schweigend auf den Bus. Der Lärm des Busmotors zerstörte nun endgültig die Idylle. Die Leute stiegen ein und setzen sich an ihre Stammplätze. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine feste Sitzordnung in dem Bus. Sie saßen in etwa gleichverteilt in dem Bus; möglichst so dass keiner den anderen anschaun musste. Die einen begannen ein Nickerchen, die nächsten hörten Musik mit Kopfhörer. Einer las Zeitung. Ich schaute aus dem Fenster und betrachtete die langsam erwachende Stadt. Vereinzelt sah man Menschen auf den Strassen. Die einen zu ihren Autos schlendernd, die anderen laufend um ihren Bus zu erreichen. So fuhr der Bus seine Route ab, Menschen stiegen ein, stiegen aus. Zwei begannen leise sich zu unterhalten. Sport, die Wochenendplanung, das Neueste aus der Boulevard Presse. unwichtiges Zeug halt. Während ich also so nach draussen schaute erblickte ich in der ferne einen Menschen auf der Straße liegen. Zwar noch über 200 Meter entfernt und trotzdem war es klar das etwas nicht stimmte. Selbiges dachte sich wohl auch der Busfahrer und bremste ab.

Er bliebt in etwa auf Höhe des liegenden Mannes stehen und stieg aus. Er ging auf den Mann zu als man schon die Sirenen der Polizei hörte und ein Polizeiwagen angerast kam. Der Busfahrer blieb stehen und wartete auf die Polizisten. Diese stiegen etwa eine Minute später aus ihren Streifenwagen aus und gingen ebenfalls auf den Mann zu. Einer der beiden stieß den Liegenden mit seinem Fuß an. Die beiden Polizisten sprachen kurz miteinander, der eine ging zurück zum Auto der andere begann damit die Stelle abzusichern. Derweil stieg der Busfahrer
wieder ein und begann mit folgender Durchsage."Guten Morgen werte Reisende.
Wenn sie nun eine echte Leiche sehen wollen, dann schauen sie bitte links."
Er blieb noch einige Augenblicke stehen und fuhr dann weiter. Der neue Tag hatte gerade erst begonnen ...